Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
Liebe
Gemeinde!
So
was haben die meisten im Haus. Wir benutzen es auch dauernd. Das ist das Regal
umzustellen – passt es dahin? Da ist etwas aufzuhängen. Hängt es auch in der
Mitte? Da ist etwas abzusägen. Wie lange soll es sein? Es ist relativ häufig in
Gebrauch. Der Zollstock. Wir wollen es exakt sehen. Wir wollen es in Zahlen
haben, damit wir vergleichen können. Selbst meine Kinder nutzten es in großen
zeitlichen Abständen: Wieviel bin ich gewachsen? Bin
ich wirklich größer als mein Vater? Es sagt etwas aus, wenn man abmisst, ja für
manche auch, wenn sie die genau Zahl wissen. Wir sind
es gewöhnt so zu leben. Dass wir messen. Die Breite, die Länge, die Höhe.
Überall messen wir. Und überall haben wir Meßgeräte.
Wenn
wir Autofahren messen wir die Strecke, die wir zurücklegen. 100 Kilometer in
einer Stunde. Selbst das Vergehen der Zeit messen wir. Es ist ein Zeitmesser,
den wir am Handgelenk haben.
Was
wir messen können ist wirklich: 193 cm,
ja, mein Sohn ist wirklich größer als ich. 58 cm haben wir Platz. Nein, ein
60er Regal passt nicht an diese Stelle. Der Zeiger ist fünf Minuten
weitergegangen, also ist wirklich dieser Abschnitt Zeit vergangen.
Aber
natürlich ist jedes messen etwas relatives. Es ist
etwas Vergleichendes. Z.B. den Meter, den hat die französische
Nationalversammlung im 18. Jahrhundert festgelegt, es sollte der 10 Millionste
Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator sein. Das ist wurde das Maß. Es ist
eine irgendwann getroffene Festlegung – danach wird jetzt Länge, Höhe, Breite
definiert.
Im
Epheserbrief ist davon die Rede: von Breite, Länge, Höhe und Tiefe. „So könnt
ihr mit allen Heiligen begreifen,“ heißt es da,
„welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist.“ Gibt uns der
Verfasser des Epheserbriefes da ein Metermaß an die Hand? Also so breit, so
lang, so hoch, so tief ist das jetzt.
Aber
was? Natürlich gab es damals ein Längenmaß, nicht den Meter. Und es gab das
menschliche Bedürfnis zu erkennen, zu begreifen. Und erkennen und begreifen
kann ich, indem ich vergleiche. Indem ich etwas mit etwas Bekanntem gleichsetze.
Beim Metermaß ist es klar. Oh, der ist 2 m groß, sagen wir von jemand – und wir
wissen dann, der ist größer als fast alle anderen Menschen. Frankfurt ist 50 Kilometer
weg. Das geht man nicht zu Fuß, das ist klar. Da brauche ich etwas, was mich
dahinfährt.
Was
wird im Epheserbrief vermessen? Oder, sagen wir, von was sollen wir Ausmaße
erkennen? Es ist natürlich etwas, was wir nicht sehen. Sagen wir mal wie die Zeit. Die sieht man
nicht so direkt wie die Größe eines Menschen, der vor mir steht. Ich kann sie
mir bewusst machen, indem ich das Vergehen in irgendeiner Art und Weise
sichtbar mache. Durch Zeiger, oder durch Töne hörbar.
Der
Epheserbrief spricht nicht von einem Schrank, bei dem wir die Ausmaße sehen. Er
spricht von etwas, das nicht messbar zu sein scheint. Das wir gar nicht
greifen, also begreifen können – das wir nicht messen können. Es ist nicht zu
sehen, es ist nicht zu hören, es ist mit einer Uhr einzuteilen, es ist nicht
mit dem Zollstock abzumessen. So groß ist es…
(Zollstock völlig
ausklappen)
Nein,
das ist es nicht.
Aber
der Epheserbrief sagt: So könnt ihr begreifen. Das griechische Wort heißt hier
wörtlich: geistig erfassen. Also wirklich, so wie ich einen 2 Meter Mann sehe –
dann habe ich es geistig begriffen, erfasst. Der ist groß.
So
können wir begreifen, geistig erfassen – was die Liebe Gottes ist. Was ihre
Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe ist.
Ja,
haben wir den Zollstock, die Messlatte? Für etwas, was wir nicht sehen? Für
etwas, was wir nicht wissen? Für etwas, was wir meist sogar gar nicht spüren.
Haben wir ein Messgerät?
Der
Verfasser des Epheserbriefes sagt: Ihr bekommt es, wenn ihr eure Knie beugt,
wenn ihr darum bittet. Es ist der Geist Gottes, es ist seine Kraft, die einem
den Blick gibt für Christus. Christus ist sichtbar geworden. Seine Worte und
seine Taten erzählten sich die Christen immer weiter. Er ist Christus, der uns
den Maßstab für Gottes Liebe liefert. Der uns das Erkennen gibt, das Begreifen,
das geistig erfassen. „Breite, Länge, Höhe, Tiefe“ – und dies mit allen
Heiligen, heißt es im Epheserbrief überschwänglich. Woh,
das ist schon etwas. Für den Verfasser des Epheserbriefes etwas, weswegen er
auf die Knie geht. Das ihn vielleicht auch überwältigt? „damit ihr erfüllt
werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ Es ist jedenfalls etwas, das überwältigend
ist, aber gleichzeitig in uns reinpasst. Es ist nicht groß, es ist ist nicht zu tief, dass wir es nicht erfassen könnten. Oder
nein, vielleicht ist besser gesagt. Es ist nicht zu groß und zu tief als dass
es uns erfassen könnte. Es kann uns ausfüllen. Die Liebe Christi – das ist die
ganze Fülle Gottes. Das ist der Zollstock für Gott. Gott hat seine Liebe zu uns
passend für uns Menschen gemacht. Indem er selbst Mensch geworden ist.
Schauen
wir auf dieses „Messgerät“ sozusagen, auf Christus. Bitten wir um das richtige
Begreifen und Erkennen – den Geist Gottes dazu. Und wir können die Breite,
Länge, Höhe und Tiefe erfassen!
Fast
so wie wir, wenn wir den Zollstock ausklappen, die Breite des Regals sehen
können. Ja, so wie Christus, so ist Gott. Menschenzugewandt, das Heil bringt
er, Heilung, Trost, Heilung für Körper und Seele. So ist Gott. Wir dürfen eine
Aussage über ihn wagen, wenn wir Christus anschauen. Wir dürfen ihn
vergleichen. Wir dürfen ihn ansprechen, wir können sagen: Vater Unser. Ja, so
wie die Liebe eines Vaters für seine Kinder, so ist Gottes Liebe für uns. Wir
können Bilder gebrauchen: Der Herr ist mein Hirte.
Wir
haben die Möglichkeit Gottes Liebe geistig zu erfassen. Wenn das kein Glück ist!
Er ist kein fernes Prinzip, kein Naturgesetz, kein unerkennbares Geheimnis,
nach dem alle suchen. Er ist etwas, das sich finden lässt. Wir dürfen unsere menschliche Maßstäbe auch anwenden, weil Gott in Christus
Mensch geworden ist.
Seine
Liebe ist messbar in der Zugewandtheit von Jesus zu
den Menschen. Er hat sich uns Menschen ausgeliefert, hingegeben – er ist für
uns gestorben, weil er sagen wollte: so groß ist Gottes Liebe. Dass er sich für
euch hingibt, dass er den Tod für euch überwindet, dass er euch mit hineinnimmt
und das, was eigentlich unfassbar, unmessbar ist: in das, was wir ewiges Leben
nennen. Wir sind mit hineingenommen in seine ewige Liebe, in der alles messen
und vergleichen ein Ende hat, in der nur noch Gott ist. In seine Liebe, in der
wir dann alle Messgeräte beiseite legen können und
wie heißt es im Epheserbrief: „damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen
Gottesfülle.“
Amen