Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
„Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu
ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“
Liebe Gemeinde!
Haben Sie auch eines zuhause? Ein
Osterlamm?
Ein Lamm ist ein jugendliches,
kindliches Schaf. Bis zu einem Jahr alte Schafe darf man als Lämmer
bezeichnen. Für uns Menschen, wenn wir
sie sehen, sind sie besonders putzig anzuschauen, wie junge Tiere eben das
oftmals sind. Das Fleisch eines Lammes schmeckt auch gut.
Auch an Ostern heute singen wir beim
Abendmahl „Christe, du Lamm Gottes“ Martin Luther hat
die Texte der lateinischen Messe ins Deutsche übersetzt: Agnus
Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis. Christe, DU Lamm
Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich
unser.
In
unserer christlichen Tradition ist sie schon so vertraut diese Symbolik, aber
doch scheint sie im allgemeinen Bewusstsein immer fremder zu werden. Die
Ostereier, die Hase, das bunte, die Blümchen, das Frühlingsfest deckt die
christliche Symbolik zu. Ich habe jedenfalls neben den vielen
Schokoladenosterhasen noch kein Schokoladenlämmchen entdeckt. Ist es doch
eigentlich zu fremd? Von einem katholischen Christen, der bei uns im
Gottesdienst war, hörte ich: Ihr singt ja noch von der Sündenvergebung, das Agnus Dei. Das ist doch so
traurig und belastet doch nur die Menschen.
Ja, wir
wollen nicht belastet werden. Wir wollen, dass uns die Last genommen wird. Wenn
von Sünde gesprochen wird, ist das anscheinend eher eine Last, die uns
auferlegt wird. Ist das Reden von Sünde zu sehr zum leeren moralischen Gerede
geworden? Gerade bei denen die davon reden und selbst ein moralisch verwerfliches
Leben führen? Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle scheinen das zu
bestätigen. Ist das Benennen von Sünde eher verdächtig, die Menschen klein zu
machen und niederzudrücken. Macht über sie zu bekommen?–
da stand Kirche immer im Verdacht. Dabei ist der ursprüngliche Gedanke gerade
das Gegenteil. Das Bild vom Lamm kommt ja aus der Lebenswelt Jesu, dem Judentum.
Es ist das Lamm, das vor dem Auszug des Volkes aus Ägypten geschlachtet wird.
Sie kennen die Geschichte. Und hier kommt schon dieser Opfergedanke mit ins
Spiel. Das Blut des Lammes, das geschlachtet wird, rettet die Israeliten davor,
dass der Engel Gottes auch ihre Erstgeburt tötet. Die Türpfosten werden mit
diesem Blut bestrichen, so dass gekennzeichnet ist, wer verschont werden soll.
Ein archaischer Gedanke: Wenn ich ein Zeichen mit Blut mache, werde ich von der
Strafe Gottes verschont. Später wird es im 3. Buch Mose eine Vorschrift geben,
dass durch ein Opfer eines Lammes vor dem Priester, ein Mensch von seinen
Sünden gereinigt werde. Die Sünden, die die Menschen z.B. als die Ursache für eine Krankheit
ansahen. Dann - beim Proheten
Jesaja wurde von dem kommenden Messias geweissagt: „Fürwahr,
er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. „ Und es geht weiter
bei Jesaja: „Er litt doch willig und tat seinen Mund
nicht auf wie ein Lamm, das zu Schlachtbank geführt wurde.“
Die
Menschen zur Zeit Jesu kannten diese Sätze, diese
Symbolik und so spricht Johannes es von Jesus aus, was prägend in den
christlichen Glauben und seine Symbolik eingehen wird: Siehe,
das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“
Wenn hier
von Sünde die Rede ist, dann ist gerade nicht damit gemeint, dass sie uns
beschwert. Es ist gemeint, dass das Lamm uns die Last abnimmt, die uns
beschwert. Das Wort Sünde kommt von dem Wort absondern. Jesus nimmt mit seinem
Eintreten für uns alles das hinweg, was uns von Gott trennt. Gott beseitigt die
Mauer zwischen ihm und dem Menschen, in dem er selbst Mensch wird und durch das
Leid hindurch den Tod besiegt.
In der
Offenbarung heißt es dann: „Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden
und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers und Gott wird abwischen alle
Tränen von ihren Augen.“ Das Heil ist gerade das, was Gott für uns will. Er
will uns zur Quelle bringen, zur Quelle des Lebens, des Heils, zur Quellen
dessen, was unserem Leben Halt und Kraft gibt, nicht nur jetzt hier, sondern
über den Tod hinaus.
Das ist
die Botschaft von Ostern.
Man
könnte Jesus ja auch mit einer kraftvolleren Symbolik als der des Lammes
verbinden. Warum nimmt man nicht einen Stier, oder einen Adler, oder einen
Löwen? Alles Symbole, die mächtige Menschen für sich in Anspruch nehmen. Nein,
es ist ein Lamm. Das Lamm, das Unschuld symbolisiert, auch Hilflosigkeit – es
geschieht etwas mit ihm. Und durch dieses Geschehenlassen,
verändert sich die Welt. Das Lamm durchbricht die Gesetzmäßigkeit von Fressen
und Gefressenwerden, davon dass der Stärkere siegt,
dass die natürliche Auslese das Weiterkommen bestimmt. All dies ist bei Gott
anders. Er liefert sich dem Menschen aus, um ihn zu retten. Um ihn zur Quelle
des lebendigen Wasser zu bringen. Um ihm die Last seines Lebens zu nehmen.
Um dem
Menschen in der Tiefe seiner Seele die Quelle des Lebens zugänglich zu machen:
Gottes Liebe, seine heilende Barmherzigkeit.
Wir
wissen es und spüren es, dass so vieles zerbrochen ist in unserer Welt. Wir
spüren auch, dass so viel Leid da ist, Leid, das scheinbar keiner sieht, das
offenbar sinnlos ist. Die vielen Tränen, die geweint werden, weil sich Menschen
so viel antun, es scheint immer und immer wieder völlig ohne Sinn zu sein. So
wie der Tod Jesu am Kreuz auch einer von vielen Hinrichtungen der damaligen
Welt sein könnte. Die Römer haben viele Menschen gekreuzigt. Für sie war das
eine rechtmäßige Strafe für Verbrecher. Und unsere Phantasien lassen uns das
auch erleben, wenn wir von grausigen Verbrechen hören und uns darüber aufregen,
was Menschen einander antun können und nicht nur antun können, sondern auch
tun. Vielleicht würden auch wir für
solche Verbrecher „Kreuzige“ rufen.
Begreifen
wir den Tod dieses Lammes? Dass Gott durch den Tod Jesu eine andere Wertigkeit
in die Welt bringt? Dass er uns die wahre, die lebendige Quelle des Lebens
zeigt?
Oft
steckt auf dem Osterlamm eine Fahne. Es soll das Zeichen des Sieges sein.
An Ostern
feiern wir einen Sieg. Nicht der Gewalt, nicht der Herrschaft der Mächtigen,
nicht der Überlegenheit der Starken – nein, wir feiern den Sieg der Liebe, der
Barmherzigkeit. Gott hat den Tod besieht – das ist wahrhaftig das mächtigste,
was sein kann. Aber nicht mit seiner Gewalt und mit Heerscharen, sondern indem
er sich selbst den Menschen aussetzte, sich selbst hingibt.
Siehe da,
er trägt die Sünd der Welt. Für uns. Für mich, für
dich.
Siehe da,
er hält die Quelle des lebendigen Wassers für uns bereit, für mich, für dich.
Er gibt uns davon zu trinken, er speist unser Leben hier auf der Erde, er
stärkt und heilt unsere Seele.
Amen