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Predigt

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Predigt über Psalm 25,6 am 28.2.2010 in der Lutherkirche

 

 

Liebe Gemeinde!

Die Sonntage der Passionszeit sind nach der lateinischen Fassung von Psalmen benannt. Heute haben wir den zweiten Sonntag inder Passionszeit und der heißt: Reminiscere.

Mit diesem Wort fängt der 6. Vers des 25. Psalms an.

Gedenke, übersetzt Luther das ins Deutsche. Man könnte auch sagen: Erinnere dich.

Wir kennen sie und brauchen Sie die Tage an denen wir uns an bestimmte Ereignisse erinnern. Sei es an Schönes oder an Furchtbares. Gestern war der 27. Februar, da gedenken wir hier in Mainz an den schlimmsten Bombenangriff auf die Stadt vor 65 Jahren. An den Angriff, bei dem so viele Menschen umkamen und so viele Häuser der Stadt zerstört wurden. Unsere Kirche, die Lutherkirche ist ein Denkmal, das auch an diese Zeit erinnert, da sie aus Steinen von Trümmerhäusern der Stadt gebaut wurde, als Hoffnungszeichen in der Not. Die Notkirche. Wir brauchen das Gedenken. Wir sind Menschen und leben nicht in den Tag hinein, sondern wir gedenken, weil wir davon lernen, weil wir mit dem Gedenken das verarbeiten, was geschah. Wir denken zu bestimmten Daten auch an schöne Dinge, damit der Alltag aufgehellt wird, weil das Erinnern uns einen Teil des Schönen, das mit dieser Erinnerung verbunden ist, wieder bringt.

Auch macht die je spezifische Erinnerung uns als Menschen aus. Es gibt kollektive Erinnerungen und Gedenktage. Ich habe den 27. Februar gar nicht erlebt und gedenke trotzdem dieses Tages. Verbinde damit auch familiäre Erzählungen von meiner Großmutter, die erzählt hatte, dass sie durch die brennende Kaiserstraße gerannt war und die Menschen im brennenden, heißen Teer versanken. Wir erinnern uns als Gesellschaft als Staat an solche Ereignisse, damit wir auch gemahnt werden, damit die Jüngeren, eben auch die, die es nicht erlebt haben, dadurch lernen. Es gibt Erinnerungstage und Gedenktage für jeden Einzelnen von uns. Die ihn ausmachen. Die ihn prägen. Den Hochzeitstag vielleicht, oder einen überstandenen Unfall, bei dem man wie durch ein Wunder überlebt hat. Ja, das Gedenken macht überhaupt den Menschen aus. Jeden Einzelnen von uns. Gedenke ich nicht des Erlebten, mache ich mir nicht mehr die wichtigen Ereignisse meines Lebens bewusst, ist auch die Gegenwart meines Lebens eine andere.

Gedenke heißt es im Psalm. Ein Psalm ist immer ein Gebet. Wie geht dieser Anfang des Verses weiter? Es könnte ein Mensch sich selbst auffordern im Gebet. Denk daran, wie es war damals. Vielleicht ist er eben in einer Gefahr behütet worden. Denk daran, wie es damals war: Wie oft kommt gerade im ersten Teil der Bibel die Erinnerung an den Auszug an Ägypten. Wie Gott das Volk Israel behütet. Ja, dieses Ereignis begründet diese Religion, den Glauben an den Gott Jahwe. Das Gedenken daran ist die Vergewisserung, dass Gott es gut meint mit dem Volk Israel, dass er sein Volk nicht verkommen lässt, sondern seine Not sieht. Das Passafest, das Hauptfest der Juden, ist die Erinnerung an an diesen Auszug. Das erste Gebot heißt vollständig: „Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft“ Und erst dann kommt: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ So wichtig ist dieses Gedenken in unserer Religion. Auch wir Christen beten diesen Gott an, der befreit, der aus der Not führt. Unser höchstes Fest ist ebenfalls die Erinnerung an ein Ereignis, das das Leben von uns Menschen grundlegend verändert hat: an die Auferstehung Jesu. An den Sieg Gottes über den Tod. Daran sollen wir denken – das hat auch Konsequenzen für uns, für jeden von uns, für unser Leben.

Gedenke, fängt der Psalmvers an. Fordert da ein Mensch einen anderen auf, oder sich selbst?

Es ist ein Gebet, das wohl in der Not entstanden ist. In den Verse vorher in diesem Psalm wird angedeutet, dass der Beter in Bedrängnis ist, „meine Feind frohlocken über mich.“ Es ist wohl eine Konfliktsituation. Der Beter erhofft sich Hilfe. „Herr zeige mir deine Wege“, sagt er. „Leite mich in deiner Wahrheit,“ so betet er zu Gott, „und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft, täglich harre ich auf dich.“ Ja, es ist ein Vertrauen deutlich in diesen Gott, der hilft. Es ist geradezu ein Appell, ein Hilferuf, fast ein etwas länger geratenes Stoßgebet in der Not. Du bist der Gott, der mir hilft. Und jetzt kommt unser Vers: Gedenke, fängt er an, Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Gott wird also aufgefordert. Merkwürdig, Gott aufzufordern zu gedenken. Es ist menschlich. Wenn man Hilfe von jemand erwartet, von einem anderen Menschen, und es kommt nicht gleich, könnte der Hilferuf auch mit diesem Appell verbunden sein. Denk doch daran, wie du damals dem und dem geholfen hast. Dann kannst Du doch auch mir helfen. Es ist das Gebet zu Gott, die Bitte um Hilfe. Die Bitte an Gott daran zu denken wie er gütig war, z.B. in der Not des Volkes Israel in Ägypten, wie er barmherzig war und dem sich von ihm abgekehrten Volk, immer wieder eine Chance gab. Der Psalmbeter betet weiter und führt aus, was Gott alles tut: „Der Herr ist gut und gerecht, daraum weist er Sündern den Weg. Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.“ Der Psalmbeter, der wohl in Not und Zweifel ist, vergewissert sich, dass es der Gott ist, der auch hilft, der gut ist, der die Elenden nicht allein lässt.

Diese Aufforderung an Gott zu gedenken ist eigentlich ein Hilferuf.  Wir wissen nicht wie es geendet hat, ob der Psalmbeter wirklich Hilfe erfahren hat, aber dieses Gebet haben bestimmt im Laufe der Jahrtausende viele fromme Juden und Christen in der Not gebetet.

Ja, es ist eine Aufforderung an Gott, es ist eine Bitte. Was anderes ist sonst ein Gebet? Wäre Gott ein fernes Prinzip, nur eine Kraft, die in allem wirkt, nur der Anstoß zur Entstehung des Lebens – wäre er nur das, wäre ein Gebet überflüssig. Was für einen Sinn sollte eine Aufforderung – und hier die Aufforderung zum Gedenken haben? Wenn Gott keiner wäre, der sich zum Handeln bewegen ließe? Wenn Gott nicht einer wäre, der Barmherzigkeit gezeigt hat, der die Möglichkeiten des Handelns hat?

Wenn wir unsere Gedenktage begehen, dann erinnern wir uns, weil es Konsequenzen für unser jetziges Leben haben soll. Sonst verschwinden Gedenktage. Die keine Auswirkung auf unser Leben haben. Wir feiern z.B. nicht mehr den Sedanstag, der vor 100 Jahren ein wichtiger Tag in unserem Land war. Der Sieg über die Franzosen und damit die Gründung des deutschen Reiches. Das ist heute nicht mehr angebracht, es hat keine Bedeutung mehr für uns. So ist die Aufforderung an Gott: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit auch eine Aufforderung an Gott, aus dieser Erinnerung daran jetzt zu handeln, jetzt sich für etwas zu entscheiden. Das Gedenken an die Barmherzigkeit ist kein vergangener Gedenktag ohne Folgen für die Gegenwart, für das jetzt. Gott soll dieses Gedenken dazu nutzen, jetzt dem Betenden zu helfen. Es kommt auch so etwas wie ein Datum mit ins Spiel. Eine Zeitspanne. Nicht ein bestimmtes Ereignis. Der Beter sagt: Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Ist die Erwähnung einer Zeitlichen Einheit die Andeutung, dass man darauf Gott gar nicht zu verweisen braucht, dass es ja eigentlich selbstverständlich ist, dass Gott ein barmherziger und gnädiger Gott ist. Das war schon immer so, ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen, aber ich tue es trotzdem. Und gleichzeitig wird die Größe Gottes deutlich. Gott ist so groß, dass man auf ihn diesen Begriff Ewigkeit anwenden kann. Eine unvorstellbare Zeitspanne. Nein, es ist keine Zeitspanne - Ewigkeit ist nichts vorstellbares. Ja, Barmherzigkeit und Güte Gottes, das war schon immer da, so wie Gott immer da war. Es gehört zu Gott. Und eben deshalb: immer wieder soll Gott diese seine Eigenschaft auf das konkrete Leben von uns Menschlein anwenden. Kaum vorstellbar. Immer wieder soll er seiner Güte gedenken und danach handeln. Es ist fast genauso unvorstellbar wie der Begriff Ewigkeit nicht in unseren Kopf passt. Es ist nicht denkbar, es kann  fühlbar, glaubbar, spürbar sein, wir können darauf hoffen. Aber gerade das macht den Glauben aus: Gott auch sagen zu können: gedenke. Gedenke meiner. Gedenke deiner Barmherzigkeit. Es ist das Wesen des Glaubens – auf Gott zu vertrauen, zu hoffen, zu beten. Es ist der Grund des Glaubens, wenn der Psalmbeter ein paar Verse später betet: „Wende dich zu mir.“ Ja, darauf will ich hoffen und vertrauen, dass Gott mich hört, dass er gedenkt, und dass er sich mir zuwendet. Wie hat Margot Käßmann in den vergangenen Tagen gesagt, als sie ihre schwere, aber mutige Entscheidung traf und von ihren Ämtern zurücktrat: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ja, daran will immer denken. Amen

 

 

 

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