Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
Liebe
Gemeinde!
Die
Sonntage der Passionszeit sind nach der lateinischen Fassung von Psalmen
benannt. Heute haben wir den zweiten Sonntag inder
Passionszeit und der heißt: Reminiscere.
Mit
diesem Wort fängt der 6. Vers des 25. Psalms an.
Gedenke,
übersetzt Luther das ins Deutsche. Man könnte auch sagen: Erinnere dich.
Wir
kennen sie und brauchen Sie die Tage an denen wir uns an bestimmte Ereignisse
erinnern. Sei es an Schönes oder an Furchtbares. Gestern war der 27. Februar,
da gedenken wir hier in Mainz an den schlimmsten Bombenangriff auf die Stadt
vor 65 Jahren. An den Angriff, bei dem so viele Menschen umkamen und so viele
Häuser der Stadt zerstört wurden. Unsere Kirche, die Lutherkirche ist ein
Denkmal, das auch an diese Zeit erinnert, da sie aus Steinen von Trümmerhäusern
der Stadt gebaut wurde, als Hoffnungszeichen in der Not. Die Notkirche. Wir
brauchen das Gedenken. Wir sind Menschen und leben nicht in den Tag hinein,
sondern wir gedenken, weil wir davon lernen, weil wir mit dem Gedenken das
verarbeiten, was geschah. Wir denken zu bestimmten Daten auch an schöne Dinge,
damit der Alltag aufgehellt wird, weil das Erinnern uns einen Teil des Schönen,
das mit dieser Erinnerung verbunden ist, wieder bringt.
Auch
macht die je spezifische Erinnerung uns als Menschen aus. Es gibt kollektive
Erinnerungen und Gedenktage. Ich habe den 27. Februar gar nicht erlebt und
gedenke trotzdem dieses Tages. Verbinde damit auch familiäre Erzählungen von
meiner Großmutter, die erzählt hatte, dass sie durch die brennende Kaiserstraße
gerannt war und die Menschen im brennenden, heißen Teer versanken. Wir erinnern
uns als Gesellschaft als Staat an solche Ereignisse, damit wir auch gemahnt
werden, damit die Jüngeren, eben auch die, die es nicht erlebt haben, dadurch
lernen. Es gibt Erinnerungstage und Gedenktage für jeden Einzelnen von uns. Die
ihn ausmachen. Die ihn prägen. Den Hochzeitstag vielleicht, oder einen
überstandenen Unfall, bei dem man wie durch ein Wunder überlebt hat. Ja, das
Gedenken macht überhaupt den Menschen aus. Jeden Einzelnen von uns. Gedenke ich
nicht des Erlebten, mache ich mir nicht mehr die wichtigen Ereignisse meines
Lebens bewusst, ist auch die Gegenwart meines Lebens eine andere.
Gedenke
heißt es im Psalm. Ein Psalm ist immer ein Gebet. Wie geht dieser Anfang des
Verses weiter? Es könnte ein Mensch sich selbst auffordern im Gebet. Denk
daran, wie es war damals. Vielleicht ist er eben in einer Gefahr behütet
worden. Denk daran, wie es damals war: Wie oft kommt gerade im ersten Teil der
Bibel die Erinnerung an den Auszug an Ägypten. Wie Gott das Volk Israel
behütet. Ja, dieses Ereignis begründet diese Religion, den Glauben an den Gott
Jahwe. Das Gedenken daran ist die Vergewisserung, dass Gott es gut meint mit
dem Volk Israel, dass er sein Volk nicht verkommen lässt, sondern seine Not
sieht. Das Passafest, das Hauptfest der Juden, ist die Erinnerung an an diesen Auszug. Das erste Gebot heißt vollständig: „Ich
bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der
Knechtschaft“ Und erst dann kommt: „Du sollst keine anderen Götter haben neben
mir.“ So wichtig ist dieses Gedenken in unserer Religion. Auch wir Christen
beten diesen Gott an, der befreit, der aus der Not führt. Unser höchstes Fest
ist ebenfalls die Erinnerung an ein Ereignis, das das Leben von uns Menschen
grundlegend verändert hat: an die Auferstehung Jesu. An den Sieg Gottes über
den Tod. Daran sollen wir denken – das hat auch Konsequenzen für uns, für jeden
von uns, für unser Leben.
Gedenke,
fängt der Psalmvers an. Fordert da ein Mensch einen
anderen auf, oder sich selbst?
Es
ist ein Gebet, das wohl in der Not entstanden ist. In den
Verse vorher in diesem Psalm wird angedeutet, dass der Beter in
Bedrängnis ist, „meine Feind frohlocken über mich.“ Es ist wohl eine
Konfliktsituation. Der Beter erhofft sich Hilfe. „Herr zeige mir deine Wege“,
sagt er. „Leite mich in deiner Wahrheit,“ so betet er
zu Gott, „und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft, täglich harre
ich auf dich.“ Ja, es ist ein Vertrauen deutlich in diesen Gott, der hilft. Es
ist geradezu ein Appell, ein Hilferuf, fast ein etwas länger geratenes
Stoßgebet in der Not. Du bist der Gott, der mir hilft. Und jetzt kommt unser
Vers: Gedenke, fängt er an, Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und an deine
Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Gott wird also aufgefordert. Merkwürdig,
Gott aufzufordern zu gedenken. Es ist menschlich. Wenn man Hilfe von jemand
erwartet, von einem anderen Menschen, und es kommt nicht gleich, könnte der
Hilferuf auch mit diesem Appell verbunden sein. Denk doch daran, wie du damals
dem und dem geholfen hast. Dann kannst Du doch auch mir helfen. Es ist das
Gebet zu Gott, die Bitte um Hilfe. Die Bitte an Gott daran zu denken wie er
gütig war, z.B. in der Not des Volkes Israel in Ägypten, wie er barmherzig war
und dem sich von ihm abgekehrten Volk, immer wieder eine Chance gab. Der Psalmbeter betet weiter und führt aus, was Gott alles tut:
„Der Herr ist gut und gerecht, daraum weist er
Sündern den Weg. Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.“
Der Psalmbeter, der wohl in Not und Zweifel ist,
vergewissert sich, dass es der Gott ist, der auch hilft, der gut ist, der die
Elenden nicht allein lässt.
Diese
Aufforderung an Gott zu gedenken ist eigentlich ein Hilferuf. Wir wissen nicht wie es geendet hat, ob der Psalmbeter wirklich Hilfe erfahren hat, aber dieses Gebet
haben bestimmt im Laufe der Jahrtausende viele fromme Juden und Christen in der
Not gebetet.
Ja,
es ist eine Aufforderung an Gott, es ist eine Bitte. Was anderes ist sonst ein
Gebet? Wäre Gott ein fernes Prinzip, nur eine Kraft, die in allem wirkt, nur
der Anstoß zur Entstehung des Lebens – wäre er nur das, wäre ein Gebet
überflüssig. Was für einen Sinn sollte eine Aufforderung – und hier die
Aufforderung zum Gedenken haben? Wenn Gott keiner wäre, der sich zum Handeln
bewegen ließe? Wenn Gott nicht einer wäre, der Barmherzigkeit gezeigt hat, der
die Möglichkeiten des Handelns hat?
Wenn
wir unsere Gedenktage begehen, dann erinnern wir uns, weil es Konsequenzen für
unser jetziges Leben haben soll. Sonst verschwinden Gedenktage. Die keine
Auswirkung auf unser Leben haben. Wir feiern z.B. nicht mehr den Sedanstag, der vor 100 Jahren ein wichtiger Tag in unserem
Land war. Der Sieg über die Franzosen und damit die Gründung des deutschen
Reiches. Das ist heute nicht mehr angebracht, es hat keine Bedeutung mehr für
uns. So ist die Aufforderung an Gott: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit
auch eine Aufforderung an Gott, aus dieser Erinnerung daran jetzt zu handeln,
jetzt sich für etwas zu entscheiden. Das Gedenken an die Barmherzigkeit ist
kein vergangener Gedenktag ohne Folgen für die Gegenwart, für das jetzt. Gott
soll dieses Gedenken dazu nutzen, jetzt dem Betenden zu helfen. Es kommt auch
so etwas wie ein Datum mit ins Spiel. Eine Zeitspanne. Nicht ein bestimmtes
Ereignis. Der Beter sagt: Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und Güte, die
von Ewigkeit her gewesen sind. Ist die Erwähnung einer Zeitlichen Einheit die
Andeutung, dass man darauf Gott gar nicht zu verweisen braucht, dass es ja
eigentlich selbstverständlich ist, dass Gott ein barmherziger und gnädiger Gott
ist. Das war schon immer so, ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen, aber
ich tue es trotzdem. Und gleichzeitig wird die Größe Gottes deutlich. Gott ist
so groß, dass man auf ihn diesen Begriff Ewigkeit anwenden kann. Eine
unvorstellbare Zeitspanne. Nein, es ist keine Zeitspanne - Ewigkeit ist nichts vorstellbares. Ja, Barmherzigkeit und Güte Gottes, das war
schon immer da, so wie Gott immer da war. Es gehört zu Gott. Und eben deshalb:
immer wieder soll Gott diese seine Eigenschaft auf das konkrete Leben von uns
Menschlein anwenden. Kaum vorstellbar. Immer wieder soll er seiner Güte
gedenken und danach handeln. Es ist fast genauso unvorstellbar wie der Begriff
Ewigkeit nicht in unseren Kopf passt. Es ist nicht denkbar, es kann fühlbar, glaubbar,
spürbar sein, wir können darauf hoffen. Aber gerade das macht den Glauben aus:
Gott auch sagen zu können: gedenke. Gedenke meiner. Gedenke deiner
Barmherzigkeit. Es ist das Wesen des Glaubens – auf Gott zu vertrauen, zu
hoffen, zu beten. Es ist der Grund des Glaubens, wenn der Psalmbeter
ein paar Verse später betet: „Wende dich zu mir.“ Ja, darauf will ich hoffen
und vertrauen, dass Gott mich hört, dass er gedenkt, und dass er sich mir
zuwendet. Wie hat Margot Käßmann in den vergangenen
Tagen gesagt, als sie ihre schwere, aber mutige Entscheidung traf und von ihren
Ämtern zurücktrat: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ja, daran
will immer denken. Amen