Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
Liebe
Gemeinde,
ich
kann mich noch gut erinnern. Ich war 11 Jahre alt, in der Sexta damals, also in
der 5. Klasse. Bundesjugendspiele. 50 m Lauf. Immer war ich von den Zeiten her
Zweit- oder Drittschnellster in der Klasse. Ich war in keinem Sportverein. Ich
spielte viel Fußball auf dem Dorfplatz. Ich ging in die Stadt ins Gymnasium und
es gab Klassenkameraden die waren beim Verein, zwei beim USC. Die zwei, vor
allem der eine, waren im Laufen immer schneller als ich. Sie traten mit ihren
tollen blauen USC-T-Shirts auf – allein das verschaffte schon Respekt. Und ich
erinnere mich daran, dass ich bei diesen Bundesjugendspielen rannte und – die
schnellste Zeit in der Klasse lief. Die beiden anderen waren um Zehntelsekunden
langsamer. Ich freute mich riesig und als ich zu meinem härtesten Konkurrenten
schaute, sah ich ihn weinen. Aber irgendwie tat das meiner Freude keinen
Abbruch. Ich dachte: Der ist im Verein, ist ehrgeizig, trainiert, trainiert und
trainiert – und doch war ich schneller.
Paulus
gebraucht einen Vergleich aus dem Sport und immer wenn ich diese Stelle des
Paulus aus dem Korintherbrief lese, muss ich an meinen Sieg vor 40 Jahren
denken.
„Lauft
so, dass ihr ihn erlangt.“ Den Siegespreis. Das sagt Paulus. Manche Ausleger
meinen Paulus greife mit seinem Vergleich daneben.
Denn es kann ja wohl im Christlichen Glauben nicht darum gehen, schneller zu
sein als andere. Sich anzustrengen, um die anderen vielleicht sogar zu
demütigen. Und wenn ich mich daran erinnere wie das war, mit diesen Rennen,
dann war ist das doch eine ziemlich einsame Sache. Man läuft und gibt alles.
Die anderen müssen einem in dem Moment egal sein. Und der Triumpf ist doch am
größten, wenn man alle hinter sich lässt. Vielleicht sogar noch deklassiert wie
es der zur Zeit schnellste 100m Läufer Usain Bolt macht. Meint das
Paulus wirklich so?
Er
meint wohl die Haltung – um zum Ziel zu kommen. Wie er einen Satz vorher sagt:
„Das alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.“
Paulus
wollte wohl seine Zuhörer in Korinth in ihrer Welt ansprechen, denn es gab die
sogenannten isthmischen Spiele, also ähnlich wie die in Olympia. Und die waren
wohl auch bedeutend und in den Köpfen der Menschen präsent.
Paulus
war es wohl wichtig zu zeigen, dass es darauf ankommt, ein Ziel zu haben,
nämlich dem Evangelium gemäß zu leben. Und dass es auch was kostet, wenn man
dieses Ziel erreichen will. Vielleicht meinten manche in Korinth man könnte
einfach so weiterleben wie bisher, sich nicht um die Gebote von Mose und die
Worte Jesu zu kümmern, und trotzdem als Getaufter die himmlische Seligkeit zu
erlangen.
Das
war wahrscheinlich für Paulus der Widerspruch. Und deswegen greift er zu diesem
Bild von den Sporttreibenden, das meiner Meinung nach die Haltung des Glaubens
nur teilweise trifft.
Natürlich
bedarf es der Anstrengung, damit der Glaube sichtbar ist im Leben. Und
wahrscheinlich sind wir mit den Augen des Paulus gesehen vielleicht ganz lasche
Christen. Wir haben vieles delegiert. Die soziale Fürsorge füreinander, die
Barmherzigkeit des Samariters aus dem Gleichnis, manchmal sogar das Beten und
sich auf Gott Besinnen. Manche gehen nie in den Gottesdienst, halten aber für
wichtig, dass es das gibt und bleiben weiterhin Mitglied der Kirche.
Paulus
aber sagt: Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn. Das gefällt vielen heutigen
Menschen schon gar nicht. Religion und Glaube ist für viele kein Leib bezwingen
oder ihn zähmen, sondern es ist eher so etwas wie Wellness. Die Seele baumeln
lassen, mal etwas für sich tun, in sich hineinhorchen – danach fühlt man sich
viel besser. Und die Theologie – auch des Paulus – sagt doch: Gott nimmt dich
Mensch so an wie du bist. Er sorgt für dich. Er liebt dich. Und weil das so
ist, darum kannst du Mensch auch so leben, wie Gott es gefällt. Er gibt dir
schon die Einsicht, die Kraft und das Vermögen dazu.
Die
Verbissenen, die sich bezwingen müssen, die fast zwanghaft das Ziel vor Augen
haben – die mögen wir nicht. So wie ich mich bei den Bundesjugendspielen damals
freute, als ich gewonnen, obwohl ich eigentlich nie dafür trainiert habe. Der,
der sonst immer erster war, der schien mir immer furchtbar ehrgeizig und
gleichzeitig damit auch überheblich zu sein. „Ich bin der Beste“. Natürlich war
es eine Anstrengung für mich. Es ging nicht einfach so. Aber ich hatte nicht
auf diesen Tag der Bundesjugendspiele hin trainiert. Nein, mein Alltag bestand,
ja man kann sagen aus Bewegung. Ich kann mich noch gut erinnern. Wenn ich zum
Einkaufen geschickt wurde, rannte ich meist dahin. Nach der Schule, nach dem
Essen wenn es das Wetter zuließ, rannte ich oft zuerst auf den Sportplatz um
dort Fußball zu spielen. Das Training war also in den Alltag integriert.
Wäre
das nicht auch die ideale Glaubenshaltung? Etwas, was einem von Gott geschenkt
wird. Was man gerne macht – und deshalb tut man es. Kann denn diese Art des
Paulus, sich immer zu bezwingen, kann das – gerade in der heutigen Zeit –
attraktiv für andere sein. Bin ich das in meinem Glauben ansteckend für andere?
Oder sehen sie nicht vielmehr mein angestrengtes Gesicht, sozusagen den Schweiß
auf der Stirn, das fast verkrampfte Richtigmachenwollen.
Nein, das kann so nicht der Weg des Glaubens sein. Es ist die Haltung, die von
Gott erbittet, den richtigen Weg zu sehen und zu gehen. Aber ihn dann auch
gerne zu gehen. Das kann man nicht erzwingen, das kann man niemand
vorschreiben. Was man sich vornehmen kann, ist, Gott um dieses Geschenk des
Glaubens zu bitten.
Paulus
sagt: Ich laufe nicht ins Ungewisse. Das muss uns immer wieder bewusst werden.
Dass wir als Menschen, als Christenmenschen auf ein Ziel hinlaufen. Wenn ich
Gott darum bitte, dann werde ich dieses Ziel erreichen. Dann wird er mich so
leiten, dass ich das richtige tue. Dass ich es gerne tue. Und nicht tue, weil
ich denke: Ich muss das jetzt so und so machen.
Nicht
umsonst sagt Jesus: Werdet wie die Kinder. Damit meint er gerade diese Haltung,
dass ich mich in Gott fallen lassen kann, ihn um etwas bitten kann. Kinder
können grausam und furchtbar sein. Sie können manchmal nur sich sehen und
andere demütigen um selbst besser dazustehen. Da sind Erwachsene oft auch nicht
anders. Jesus meint aber die Haltung der Kinder, gerade auch dem Glauben und
dem Leben gegenüber – hier können Kinder eher vertrauen, eher loslassen. Sie
können sich von Erwachsenen an der Hand nehmen lassen. Und das fällt uns
modernen Menschen doch schwer, mit unserem Verstand, unserem
naturwissenschaftlichen Denken. Und wir gläubigen Christen wollen natürlich
auch in unserem Leben alles richtig machen. Strecken wir doch unsere Hand aus –
und lassen uns von Gott an der Hand nehmen. Er zeigt uns schon den Weg. Er
zeigt uns, wo wir lang gehen. Und er gibt uns auch die Einsicht und die Kraft,
nein und ja an den richtigen Stellen zu sagen. Und vielleicht spüren wir dann
manchmal auch seine Hand, die uns einen Schubs gibt und sagt: Jetzt musst du
dich anstrengen – lauf!
Amen