Predigt
von Pfarrerin Mechthild Böhm
Gnade
sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem
Herrn. Amen.
Liebe
Gemeinde,
Diesen
Krug hat mir vor vielen Jahren meine Freundin Gesina geschenkt. Da war er
natürlich noch heil. Der Henkel war noch nicht abgebrochen. Aber nun ist er
auch schon ein paar Jahre kaputt. Ich habe ihn trotzdem nicht weggeworfen. Weil
er mir so gut gefällt. Und weil er ja noch zu benutzen ist. Und weil ich oft an
Gesina denke, wenn ich ihn in der Hand habe. Ich hoffe immer, dass ich ihn
nicht einmal aus Versehen fallen lasse, denn den abgebrochenen Henkel kann ich
nicht wirklich gut greifen. Und aus noch einem anderen Grund habe ich diesen
kaputten Krug nicht weggeworfen: er erinnert mich daran, wie zerbrechlich im
Grunde genommen alles sein kann. Wir selbst und unser Leben gleichen diesen
irdenen Gefäßen. Das ist kein schöner Gedanke. Aber letztlich ist er sehr
ehrlich.
Wir
erleben es selbst bitter in unserem Leben, oder im Leben anderer bekommen wir
es mit: Hoffnungen und Beziehungen zerbrechen. Da verliert jemand seinen
Arbeitsplatz und die Lebensgrundlage bricht weg. Oder eine Ehe zerbricht, eine
Beziehung geht in die Brüche, und es ist unheimlich schwer, mit diesem Bruch,
mit diesem Schmerz weiterzuleben.
Wir
haben es letztlich auch nicht selbst in Händen, dass wir gesund bleiben. Und
wenn die Gesundheit angeknackst ist, betrifft das das ganze Leben.
So
viele Dinge, die wir mit Elan und guten Absichten beginnen, bringen wir nicht
zu Ende. Und oft nehmen wir uns Dinge vor, die dann doch bruchstückhaft
bleiben.
Wir:
irdene Gefäße.
Überall
auf der Welt, wo Archäologen nach Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden die
Reste menschlicher Besiedlung und menschlicher Kultur bei Ausgrabungen finden,
da finden sie auch Tonscherben. Zerbrochene irdene Gefäße finden sie überall
auf der Welt. Mal glasiert und sogar verziert und angemalt. Mal auch ganz grob
und einfach, vielleicht mit einem eingeritzten Muster. Aber immer finden sie
Tonscherben. Diese Tonscherben erzählen vom alltäglichen Leben der Menschen. Es
sind Scherben von Essgeschirr oder Scherben von Krügen zum Wasserholen und von
schlichten Bechern zum Trinken. Natürlich finden sich auch Scherben von
Weinkrügen und edlen Amphoren oder von kleinen Öllampen. Was auch immer in
diesen unterschiedlichen Gefäßen aufbewahrt wurde, alle diese Gefäße sind
zerbrochen. Anders als ein blanker Stahltopf, der höchstens zerkratzt, liegen
diese Gefäße aus Ton, aus Erde, irgendwann in Scherben. Sie sind nicht für die
Ewigkeit gemacht und erinnern uns daran, dass auch wir von der Erde genommen
sind und wieder zu Erde werden. Irdene Gefäße erinnern uns daran, dass auch wir
Menschen irdisch sind.
Wir haben diesen Schatz in irdenen
Gefäßen.
Paulus
vergleicht unser Leben, uns Menschen überhaupt, mit irdenen Gefäßen. Mit
Tongeschirr, das schnell Risse bekommen oder zu Bruch gehen kann. Das ist eine
sehr tiefe und ehrliche Einsicht. Paulus hat sie auch vor dem Hintergrund
eigener Erfahrungen gewonnnen.
Seine
eigene Gesundheit war angeknackst. Nicht nur durch die Strapazen langer und
anstrengender Reisen, sondern auch durch sein Anfallsleiden.
Vermutlich war er Epileptiker. Angeknackst war aber auch sein Ruf in der
Gemeinde in Korinth, an die er diesen Brief schreibt, aus dem unser Predigttext
stammt. Mit dieser Gemeinde hatte er immer wieder Streit, war übler Nachrede
und offener Anfeindung ausgesetzt. Als bruchstückhaft musste er deshalb
schließlich auch sein eigenes Tun dort erleben. Nicht überall erreichten seine
Predigten offene Ohren und bereite Herzen. Er wurde auch missverstanden und
mutwillig missdeutet. Sicherlich hat er das alles anderes gewollt. Aber auch
bei ihm blieb manches Fragment. Und an diesem Bruchstückhaften hat er auch gelitten.
Wir haben diesen Schatz in irdenen
Gefäßen.
So
ungeschönt und nüchtern Paulus mit dieser Aussage uns Menschen sieht, so
realistisch und ehrlich er unser Leben beschreibt: zugleich spricht er von
einem Schatz. So zerbrechlich, angeknackst und unvollkommen wir sind, irdenen
Gefäßen gleich, in uns wirkt Gottes Kraft. Paulus sagt es so: Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen
gegeben. Bei aller Zerbrechlichkeit
und Bruchstück-haftigkeit unseres Lebens ist uns
klar, was uns alles nicht gelingt und was uns schmerzlich fehlt. Und trotzdem,
mehr noch: gerade deshalb: Gottes Kraft wirkt in uns. Gottes Licht erhellt uns.
Gottes Liebe ist bei uns.
Wir haben diesen Schatz in irdenen
Gefäßen.
Wer
einen Schatz hat, wird ihn nun vielleicht nicht unbedingt in ein zerbrechliches
Tongefäß legen. Eher wird ein Schatz in einem stabilen und gut verschließbaren
Tresor aufbewahrt. Nicht so bei Gott. Wir Menschen in unserer Zerbrechlichkeit
sollen es sein, die Gottes Schatz aufbewahren. In uns und durch uns soll Gottes
Schatz in die Welt kommen.
Von
Gottes Licht und Gottes Kraft ist genug da, es muss nicht in einem Tresor
weggeschlossen werden. Gott gibt seine Liebe, sein Licht, seine Lebenskraft in
uns zerbrechliche Menschen.
Und
wenn in unserem zerbrechlichen Leben nun wirklich etwas zu Bruch geht, die
Gesundheit, die Zukunft, das Glück, dann kann um so deutlicher offenbar werden,
was dieses zerbrechlich Leben von innen erfüllt. Es kann gerade in der
Zerbrechlichkeit zum Vorschein kommen: Gott trägt und hält dieses Leben. In
seiner Liebe.
Wir haben diesen Schatz in irdenen
Gefäßen.
Das
erinnert mich aber auch daran, dass wir selbst keine Tresore sind, um diesen
Schatz sicher zu verwahren.
Wir
können uns nur immer wieder neu beschenken, neu erfüllen lassen von Gottes
Liebe. Wir haben sie nicht als einen sicheren Besitz.
Und
was in uns ist, sollen wir weitergeben. Irdene Gefäße werden schnell rissig.
Dann sind sie nicht mehr dicht, dann laufen sie aus. Und das ist ja wohl in
Bezug auf uns Menschen Absicht. Gottes Licht und Gottes Liebe sollen nicht
allein in uns belieben, sie sollen aus uns heraus in die Welt wirken.
Wir haben diesen Schatz in irdenen
Gefäßen.
Wir
sind zerbrechlich und verletzlich, und zugleich sind wir erfüllt mit Gottes
Liebe, erleuchtet von Gottes Licht. Beides gehört zusammen.
Wir
haben Gottes Schatz in irdenen Gefäßen. Da, wo wir ganz Mensch sind,
verletzlich und zerbrechlich, können wir Gottes Schatz in uns tragen, seine
Liebe aufnehmen, sein Licht weiter tragen. Da, wo wir uns nicht besser, frommer
uns schöner machen müssen, als wir in Wahrheit sind, da erleuchtet uns Gottes
Licht, sozusagen von innen heraus.
Was
bewirkt das aber, Gottes Licht, dieses Licht aus der Finsternis? Paulus sagt
das ganz deutlich am Ende unseres Predigttextes: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns
ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden
nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Auch wenn unsere Erfahrungen andere sein mögen
als die des Paulus, jeder Erfahrung von Leid und Verletzlichkeit ist ein „Aber“
entgegengesetzt.
Dass
wir Menschen mit unserem Leben, mit unserem Glück und unserer Lebensfreude
zerbrechlich sind und auch Brüche und Verletzungen erfahren müssen, das ist
nicht alles, was es über uns zu sagen gibt. Aus Gottes Sicht nicht. Das letzte
Wort ist allemal Gottes „Aber“.
Wir
sind verletzlich, aber Gott bewahrt uns. Wir sind zerbrechlich, aber
erleuchtet. Wir erfahren Leid und Tod, aber in Jesus Christus hat das Leben
besiegt. Von da her kommt das Licht, das wir zum Leben brauchen. Amen.
Und
der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn. Amen.