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Predigt

von Pfarrerin Mechthild Böhm

Predigt über 1. Korinther, 4, 6-10  am 24.1.2010 in der Lutherkirche

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Diesen Krug hat mir vor vielen Jahren meine Freundin Gesina geschenkt. Da war er natürlich noch heil. Der Henkel war noch nicht abgebrochen. Aber nun ist er auch schon ein paar Jahre kaputt. Ich habe ihn trotzdem nicht weggeworfen. Weil er mir so gut gefällt. Und weil er ja noch zu benutzen ist. Und weil ich oft an Gesina denke, wenn ich ihn in der Hand habe. Ich hoffe immer, dass ich ihn nicht einmal aus Versehen fallen lasse, denn den abgebrochenen Henkel kann ich nicht wirklich gut greifen. Und aus noch einem anderen Grund habe ich diesen kaputten Krug nicht weggeworfen: er erinnert mich daran, wie zerbrechlich im Grunde genommen alles sein kann. Wir selbst und unser Leben gleichen diesen irdenen Gefäßen. Das ist kein schöner Gedanke. Aber letztlich ist er sehr ehrlich.

Wir erleben es selbst bitter in unserem Leben, oder im Leben anderer bekommen wir es mit: Hoffnungen und Beziehungen zerbrechen. Da verliert jemand seinen Arbeitsplatz und die Lebensgrundlage bricht weg. Oder eine Ehe zerbricht, eine Beziehung geht in die Brüche, und es ist unheimlich schwer, mit diesem Bruch, mit diesem Schmerz weiterzuleben.

Wir haben es letztlich auch nicht selbst in Händen, dass wir gesund bleiben. Und wenn die Gesundheit angeknackst ist, betrifft das das ganze Leben.

So viele Dinge, die wir mit Elan und guten Absichten beginnen, bringen wir nicht zu Ende. Und oft nehmen wir uns Dinge vor, die dann doch bruchstückhaft bleiben.

Wir:  irdene Gefäße.

 

Überall auf der Welt, wo Archäologen nach Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden die Reste menschlicher Besiedlung und menschlicher Kultur bei Ausgrabungen finden, da finden sie auch Tonscherben. Zerbrochene irdene Gefäße finden sie überall auf der Welt. Mal glasiert und sogar verziert und angemalt. Mal auch ganz grob und einfach, vielleicht mit einem eingeritzten Muster. Aber immer finden sie Tonscherben. Diese Tonscherben erzählen vom alltäglichen Leben der Menschen. Es sind Scherben von Essgeschirr oder Scherben von Krügen zum Wasserholen und von schlichten Bechern zum Trinken. Natürlich finden sich auch Scherben von Weinkrügen und edlen Amphoren oder von kleinen Öllampen. Was auch immer in diesen unterschiedlichen Gefäßen aufbewahrt wurde, alle diese Gefäße sind zerbrochen. Anders als ein blanker Stahltopf, der höchstens zerkratzt, liegen diese Gefäße aus Ton, aus Erde, irgendwann in Scherben. Sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht und erinnern uns daran, dass auch wir von der Erde genommen sind und wieder zu Erde werden. Irdene Gefäße erinnern uns daran, dass auch wir Menschen irdisch sind. 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

 

Paulus vergleicht unser Leben, uns Menschen überhaupt, mit irdenen Gefäßen. Mit Tongeschirr, das schnell Risse bekommen oder zu Bruch gehen kann. Das ist eine sehr tiefe und ehrliche Einsicht. Paulus hat sie auch vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen gewonnnen.

Seine eigene Gesundheit war angeknackst. Nicht nur durch die Strapazen langer und anstrengender Reisen, sondern auch durch sein Anfallsleiden. Vermutlich war er Epileptiker. Angeknackst war aber auch sein Ruf in der Gemeinde in Korinth, an die er diesen Brief schreibt, aus dem unser Predigttext stammt. Mit dieser Gemeinde hatte er immer wieder Streit, war übler Nachrede und offener Anfeindung ausgesetzt. Als bruchstückhaft musste er deshalb schließlich auch sein eigenes Tun dort erleben. Nicht überall erreichten seine Predigten offene Ohren und bereite Herzen. Er wurde auch missverstanden und mutwillig missdeutet. Sicherlich hat er das alles anderes gewollt. Aber auch bei ihm blieb manches Fragment. Und an diesem Bruchstückhaften hat er auch gelitten.

 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

 

So ungeschönt und nüchtern Paulus mit dieser Aussage uns Menschen sieht, so realistisch und ehrlich er unser Leben beschreibt: zugleich spricht er von einem Schatz. So zerbrechlich, angeknackst und unvollkommen wir sind, irdenen Gefäßen gleich, in uns wirkt Gottes Kraft. Paulus sagt es so: Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.  Bei aller Zerbrechlichkeit und Bruchstück-haftigkeit unseres Lebens ist uns klar, was uns alles nicht gelingt und was uns schmerzlich fehlt. Und trotzdem, mehr noch: gerade deshalb: Gottes Kraft wirkt in uns. Gottes Licht erhellt uns. Gottes Liebe ist bei uns.

 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

 

Wer einen Schatz hat, wird ihn nun vielleicht nicht unbedingt in ein zerbrechliches Tongefäß legen. Eher wird ein Schatz in einem stabilen und gut verschließbaren Tresor aufbewahrt. Nicht so bei Gott. Wir Menschen in unserer Zerbrechlichkeit sollen es sein, die Gottes Schatz aufbewahren. In uns und durch uns soll Gottes Schatz in die Welt kommen.

Von Gottes Licht und Gottes Kraft ist genug da, es muss nicht in einem Tresor weggeschlossen werden. Gott gibt seine Liebe, sein Licht, seine Lebenskraft in uns zerbrechliche Menschen.

Und wenn in unserem zerbrechlichen Leben nun wirklich etwas zu Bruch geht, die Gesundheit, die Zukunft, das Glück, dann kann um so deutlicher offenbar werden, was dieses zerbrechlich Leben von innen erfüllt. Es kann gerade in der Zerbrechlichkeit zum Vorschein kommen: Gott trägt und hält dieses Leben. In seiner Liebe.

 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

Das erinnert mich aber auch daran, dass wir selbst keine Tresore sind, um diesen Schatz sicher zu verwahren.

Wir können uns nur immer wieder neu beschenken, neu erfüllen lassen von Gottes Liebe. Wir haben sie nicht als einen sicheren Besitz.

 

Und was in uns ist, sollen wir weitergeben. Irdene Gefäße werden schnell rissig. Dann sind sie nicht mehr dicht, dann laufen sie aus. Und das ist ja wohl in Bezug auf uns Menschen Absicht. Gottes Licht und Gottes Liebe sollen nicht allein in uns belieben, sie sollen aus uns heraus in die Welt wirken.

 

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

 

Wir sind zerbrechlich und verletzlich, und zugleich sind wir erfüllt mit Gottes Liebe, erleuchtet von Gottes Licht. Beides gehört zusammen.

Wir haben Gottes Schatz in irdenen Gefäßen. Da, wo wir ganz Mensch sind, verletzlich und zerbrechlich, können wir Gottes Schatz in uns tragen, seine Liebe aufnehmen, sein Licht weiter tragen. Da, wo wir uns nicht besser, frommer uns schöner machen müssen, als wir in Wahrheit sind, da erleuchtet uns Gottes Licht, sozusagen von innen heraus.

 

Was bewirkt das aber, Gottes Licht, dieses Licht aus der Finsternis? Paulus sagt das ganz deutlich am Ende unseres Predigttextes: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.  Auch wenn unsere Erfahrungen andere sein mögen als die des Paulus, jeder Erfahrung von Leid und Verletzlichkeit ist ein „Aber“ entgegengesetzt.

Dass wir Menschen mit unserem Leben, mit unserem Glück und unserer Lebensfreude zerbrechlich sind und auch Brüche und Verletzungen erfahren müssen, das ist nicht alles, was es über uns zu sagen gibt. Aus Gottes Sicht nicht. Das letzte Wort ist allemal Gottes „Aber“.

Wir sind verletzlich, aber Gott bewahrt uns. Wir sind zerbrechlich, aber erleuchtet. Wir erfahren Leid und Tod, aber in Jesus Christus hat das Leben besiegt. Von da her kommt das Licht, das wir zum Leben brauchen. Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn. Amen.

 

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