Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
Liebe
Gemeinde!
Unsere
Liebe ist nicht falsch. Wir hassen das Böse, das Gute lieben wir. Wir verhalten
uns geschwisterlich, wir erzeigen uns Ehrerbietung. Wir sind nicht träge, wir
sind brennend im Geist und wir wissen, was die Zeichen der Zeit bedeuten. Wir
sind fröhlich, geduldig, beharrlich im Gebet. Wir üben Gastfreundschaft wir
segnen die, die uns verfolgen, wir fluchen nicht. Wir freuen uns mit den
Fröhlichen, wir weinen mit den Weinenden, wir sind einträchtig miteinander. Wir
sind nicht hochmütig, halten uns nicht für etwas besseres
und schon gar nicht für klug.
Wenn es so
wäre, liebe Gemeinde, wie sähe da unsere Gesellschaft aus? Der Abschnitt aus
dem Römerbrief ist in der Lutherbibel
überschrieben mit „Das Leben der Gemeinde“. Ist es so? Natürlich nicht. Auch
das Leben einer christlichen Gemeinde ist das Leben von Menschen in ihrem
Alltag, mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihren Agressionen
und unterschiedlichen Meinungen, mit den Spannungen, die zum menschlichen
Miteinander gehören.
Und ich
glaube ein jeder, der hier sitzt, Mann
und Frau, die wir uns auch als Christen bezeichnen würden, lassen uns das sagen
von Paulus. Die Zeiten der Predigten, in denen man schimpfte, ermahnte und
denen, die gekommen sind, den Spiegel vorhielt, die sind schon lange vorbei.
Wir kommen nicht in den Gottesdienst, weil wir ermahnt werden wollen. Wir
kommen hierher, weil wir Stärkung für unseren Alltag wollen, weil wir uns
vergewissern, dass unser Leben sinnvoll ist, dass es etwas gibt, was uns trägt
und uns anrührt in unserem Innersten. Letztendlich, weil unsere Seele Nahrung
braucht.
Und das
hängt doch auch mit dem zusammen, wie wir miteinander umgehen. Es baut mich
nicht auf, es stärkt mich nicht, wenn ich das Gefühl habe, hier in der Kirche
fällt man übereinander her, redet schlecht übereinander, schaut sich mißtrauisch an, hält sich für etwas Besseres, meint, klüger
zu sein als andere. Ja, ich glaube, wir nehmen an unsere Seele Schaden, wenn
unser Miteinander vergiftet ist. Und das ist es, was Paulus auch auf dem Herzen
hat, wenn er so viele Ermahnungen hintereinander loslässt. Es ist seine Liebe
zu den Menschen, die ihn das so sagen lässt. Er weiß um die Abgründe des
menschlichen Miteinanders. Seine Gefängnisaufenthalte sind nicht spurlos an ihm
vorüber gegangen. Das Verhalten ihm gegenüber, die Verfolgungen, die
Schmähungen, die Verhaftungen haben ihn aber nicht verbittern lassen. Er wendet
sich nicht von dem verderbten Menschengeschlecht ab. Er wird kein
Selbstmordattentäter, der in religiösem Wahn den Haß
und Tod seinen Mitmenschen bringt. Nein, das, was er erlebt hat, stärkt in ihm
eher die Sehnsucht nach diesem anderen. Und warum? Weil ein anderer sich
ebenfalls nicht abgewandt hat. Das Abwenden war einmal. Das ist vorbei. Gottes
Versuch des Neustartes mit den Menschen wird in der Bibel in der Sintflutgeschichte
beschrieben. Aber Gott wird als einer beschrieben, der merkt, dass
dieses Geschöpf, das er geschaffen hat, dass dies es Wert
ist, nicht einfach vom Erdboden vertilgt zu werden. Dieses Geschöpf, sein
Geschöpf ist ihm so viel wert, dass er sich selbst in die tiefsten Tiefen
begibt, sich selbst ihm ausliefert. Und der Apostel Paulus ist einer, wie dann
viele, die sich anrühren lassen. Die spüren, dass der Sinn des Lebens, nicht
darin liegen kann, möglichst für sich Vorteil herauszuschlagen, möglichst viele
der anderen zu demütigen um sich selbst zu erhöhen. Er spürt, dass es da mehr
gibt und er merkt, dass dies sogar in einer Gemeinschaft verwirklicht werden
kann. Dass dies nicht nur etwas für den Einzelnen ist, sondern, dass die andere
Art des Miteinanders die Seele berühren kann, den Menschen von Grund auf
verändert, ihn ausrichtet hin auf das, was er eigentlich nicht für möglich
hielt und immer noch für unmöglich hält: Was manche für Gutmenschentum halten, Spinnerei,
unrealistisch, an der Wirklichkeit des harten Lebens vorbei.
Dass aber
in einer alternativen Form des Umgangs miteinander solch eine Kraft liegt, das
können Realisten kaum für möglich halten. Wenn heutzutage immer über die
Untaten der Christen gesprochen wird, über Mittelalter und Kreuzzüge, über
Segnen der Kanonen bis hin zur Mithilfe beim Holocaust, so wird verkannt, dass
die Ermahnungen des Paulus immer da waren. Dass sie dem immer entgegenstanden.
Dass denen, die diese Untaten verübten immer deutlich sein musste, dass es
gegen Gottes Wille ist, denen zu fluchen, die man hasst, den Fröhlichen die
Tränen zu bringen und den Weinenden noch eines drauf zu geben.
Nein, das
Leben der christlichen Gemeinschaft war nie ideal. Es gab immer etwas, was den
Ermahnungen des Paulus, ja den Worten direkt entgegen stand. Und es gab manchesmal auch gute und realistische Gründe dafür. So wie
es gute und realistische Gründe dafür gibt, auch als Christenmenschen in
Afghanistan zur Waffe zu greifen. So wie es Gründe gibt auch als Christenmensch
seinen persönlichen materiellen Reichtum zu mehren und einem bettelnden
Menschen in der Stadt nichts zu geben.
Aber für
mich ist es mit eine Wirkung des Christentums, dass
uns auch fernes Leid nicht egal ist. Das schreckliche Erdbeben in Haiti
entfacht ein Welle von Hilfsbereitschaft in der ganzen
Welt. Das ist für mich fast wie ein Wunder.
Ja: wir
hassen das Böse und lieben das Gute. Und manchesmal
würde sogar sagen: wir halten uns selbst nicht für die Klügsten. Und gerade
wenn das so ist, und gerade weil das so ist, lassen wir uns das sagen, was
Paulus da sagt. Gerade deshalb sagen wir nicht: wir brauchen diese Ermahnungen
nicht. Das ist doch selbstverständlich.
Es ist gar nicht selbstverständlich. Es steht so vielem im Leben, im
eigenen persönlichen Leben entgegen. Aber es kommt unserer Sehnsucht nahe. Der
Sehnsucht nach dem erfüllten Leben, nach einem Leben, das sinnvoll ist, das
Liebe geben und Liebe erfahren darf.
Alles
beginnt mit der Sehnsucht. So sagt es die Dichterin Nelly Sachs. So ist es auch
mit unserem Glauben. Und unser Miteinander macht ein wenig von dieser Sehnsucht
spürbar, vielleicht manchmal sogar ein wenig von der Erfüllung dieser
Sehnsucht.
Ja,
manchmal ist unsere Liebe wirklich nicht falsch. Manchmal hassen wir das Böse,
und das Gute lieben wir. Manchmal verhalten uns geschwisterlich, erzeigen uns Ehrerbietung. Manchmal sind wir
nicht träge, sind wir brennend im Geist
und wissen, was die Zeichen der Zeit bedeuten. Manchmal sind wir fröhlich,
geduldig, beharrlich im Gebet. Manchmal üben wir Gastfreundschaft, segnen die, die uns verfolgen, fluchen nicht.
Manchmal freuen wir uns mit den
Fröhlichen, weinen wir mit den Weinenden, sind wir einträchtig miteinander.
Manchmal sind wir nicht hochmütig, halten uns nicht für etwas besseres und schon gar nicht für klug.
Dann wissen
wir – Gottes Reich ist mitten unter uns. Dann ist die Sehnsucht mehr als eine
Ahnung, dann ist der Glaube mehr als ein Traum, dann ist er lebendige Hoffnung.
Amen