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Predigt

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Predigt über Römer 12, 9-16  am 17.1.2010 in der Lutherkirche

 

Liebe Gemeinde!

Unsere Liebe ist nicht falsch. Wir hassen das Böse, das Gute lieben wir. Wir verhalten uns geschwisterlich, wir erzeigen uns Ehrerbietung. Wir sind nicht träge, wir sind brennend im Geist und wir wissen, was die Zeichen der Zeit bedeuten. Wir sind fröhlich, geduldig, beharrlich im Gebet. Wir üben Gastfreundschaft wir segnen die, die uns verfolgen, wir fluchen nicht. Wir freuen uns mit den Fröhlichen, wir weinen mit den Weinenden, wir sind einträchtig miteinander. Wir sind nicht hochmütig, halten uns nicht für etwas besseres und schon gar nicht für klug.

Wenn es so wäre, liebe Gemeinde, wie sähe da unsere Gesellschaft aus? Der Abschnitt aus dem Römerbrief ist  in der Lutherbibel überschrieben mit „Das Leben der Gemeinde“. Ist es so? Natürlich nicht. Auch das Leben einer christlichen Gemeinde ist das Leben von Menschen in ihrem Alltag, mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihren Agressionen und unterschiedlichen Meinungen, mit den Spannungen, die zum menschlichen Miteinander gehören.

Und ich glaube ein jeder, der hier sitzt,   Mann und Frau, die wir uns auch als Christen bezeichnen würden, lassen uns das sagen von Paulus. Die Zeiten der Predigten, in denen man schimpfte, ermahnte und denen, die gekommen sind, den Spiegel vorhielt, die sind schon lange vorbei. Wir kommen nicht in den Gottesdienst, weil wir ermahnt werden wollen. Wir kommen hierher, weil wir Stärkung für unseren Alltag wollen, weil wir uns vergewissern, dass unser Leben sinnvoll ist, dass es etwas gibt, was uns trägt und uns anrührt in unserem Innersten. Letztendlich, weil unsere Seele Nahrung braucht.

Und das hängt doch auch mit dem zusammen, wie wir miteinander umgehen. Es baut mich nicht auf, es stärkt mich nicht, wenn ich das Gefühl habe, hier in der Kirche fällt man übereinander her, redet schlecht übereinander, schaut sich mißtrauisch an, hält sich für etwas Besseres, meint, klüger zu sein als andere. Ja, ich glaube, wir nehmen an unsere Seele Schaden, wenn unser Miteinander vergiftet ist. Und das ist es, was Paulus auch auf dem Herzen hat, wenn er so viele Ermahnungen hintereinander loslässt. Es ist seine Liebe zu den Menschen, die ihn das so sagen lässt. Er weiß um die Abgründe des menschlichen Miteinanders. Seine Gefängnisaufenthalte sind nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Das Verhalten ihm gegenüber, die Verfolgungen, die Schmähungen, die Verhaftungen haben ihn aber nicht verbittern lassen. Er wendet sich nicht von dem verderbten Menschengeschlecht ab. Er wird kein Selbstmordattentäter, der in religiösem Wahn den Haß und Tod seinen Mitmenschen bringt. Nein, das, was er erlebt hat, stärkt in ihm eher die Sehnsucht nach diesem anderen. Und warum? Weil ein anderer sich ebenfalls nicht abgewandt hat. Das Abwenden war einmal. Das ist vorbei. Gottes Versuch des Neustartes mit den Menschen wird in der Bibel in der Sintflutgeschichte  beschrieben. Aber Gott wird als einer beschrieben, der merkt, dass dieses Geschöpf, das er geschaffen hat, dass dies es Wert ist, nicht einfach vom Erdboden vertilgt zu werden. Dieses Geschöpf, sein Geschöpf ist ihm so viel wert, dass er sich selbst in die tiefsten Tiefen begibt, sich selbst ihm ausliefert. Und der Apostel Paulus ist einer, wie dann viele, die sich anrühren lassen. Die spüren, dass der Sinn des Lebens, nicht darin liegen kann, möglichst für sich Vorteil herauszuschlagen, möglichst viele der anderen zu demütigen um sich selbst zu erhöhen. Er spürt, dass es da mehr gibt und er merkt, dass dies sogar in einer Gemeinschaft verwirklicht werden kann. Dass dies nicht nur etwas für den Einzelnen ist, sondern, dass die andere Art des Miteinanders die Seele berühren kann, den Menschen von Grund auf verändert, ihn ausrichtet hin auf das, was er eigentlich nicht für möglich hielt und immer noch für unmöglich hält: Was manche  für Gutmenschentum halten, Spinnerei, unrealistisch, an der Wirklichkeit des harten Lebens vorbei.

Dass aber in einer alternativen Form des Umgangs miteinander solch eine Kraft liegt, das können Realisten kaum für möglich halten. Wenn heutzutage immer über die Untaten der Christen gesprochen wird, über Mittelalter und Kreuzzüge, über Segnen der Kanonen bis hin zur Mithilfe beim Holocaust, so wird verkannt, dass die Ermahnungen des Paulus immer da waren. Dass sie dem immer entgegenstanden. Dass denen, die diese Untaten verübten immer deutlich sein musste, dass es gegen Gottes Wille ist, denen zu fluchen, die man hasst, den Fröhlichen die Tränen zu bringen und den Weinenden noch eines drauf zu geben.

Nein, das Leben der christlichen Gemeinschaft war nie ideal. Es gab immer etwas, was den Ermahnungen des Paulus, ja den Worten direkt entgegen stand. Und es gab manchesmal auch gute und realistische Gründe dafür. So wie es gute und realistische Gründe dafür gibt, auch als Christenmenschen in Afghanistan zur Waffe zu greifen. So wie es Gründe gibt auch als Christenmensch seinen persönlichen materiellen Reichtum zu mehren und einem bettelnden Menschen in der Stadt nichts zu geben.

Aber für mich ist es mit eine Wirkung des Christentums, dass uns auch fernes Leid nicht egal ist. Das schreckliche Erdbeben in Haiti entfacht ein Welle von Hilfsbereitschaft in der ganzen Welt. Das ist für mich fast wie ein Wunder.

 

Ja: wir hassen das Böse und lieben das Gute. Und manchesmal würde sogar sagen: wir halten uns selbst nicht für die Klügsten. Und gerade wenn das so ist, und gerade weil das so ist, lassen wir uns das sagen, was Paulus da sagt. Gerade deshalb sagen wir nicht: wir brauchen diese Ermahnungen nicht. Das ist doch selbstverständlich.  Es ist gar nicht selbstverständlich. Es steht so vielem im Leben, im eigenen persönlichen Leben entgegen. Aber es kommt unserer Sehnsucht nahe. Der Sehnsucht nach dem erfüllten Leben, nach einem Leben, das sinnvoll ist, das Liebe geben und Liebe erfahren darf.

Alles beginnt mit der Sehnsucht. So sagt es die Dichterin Nelly Sachs. So ist es auch mit unserem Glauben. Und unser Miteinander macht ein wenig von dieser Sehnsucht spürbar, vielleicht manchmal sogar ein wenig von der Erfüllung dieser Sehnsucht.

Ja, manchmal ist unsere Liebe wirklich nicht falsch. Manchmal hassen wir das Böse, und das Gute lieben wir. Manchmal verhalten uns geschwisterlich,  erzeigen uns Ehrerbietung. Manchmal sind wir nicht träge,  sind wir brennend im Geist und wissen, was die Zeichen der Zeit bedeuten. Manchmal sind wir fröhlich, geduldig, beharrlich im Gebet. Manchmal üben wir Gastfreundschaft,  segnen die, die uns verfolgen, fluchen nicht. Manchmal  freuen wir uns mit den Fröhlichen, weinen wir mit den Weinenden, sind wir einträchtig miteinander. Manchmal sind wir nicht hochmütig, halten uns nicht für etwas besseres und schon gar nicht für klug.

Dann wissen wir – Gottes Reich ist mitten unter uns. Dann ist die Sehnsucht mehr als eine Ahnung, dann ist der Glaube mehr als ein Traum, dann ist er lebendige Hoffnung.

Amen

 

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