Predigt
von Pfarrerin Mechthild Böhm
Gnade
sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem
Herrn. Amen.
Liebe
Gemeinde,
In
der Bibel gibt es nicht nur eine Weihnachtsgeschichte, sondern mehrere. Die
bekannteste und beliebteste ist natürlich die Weihnachtsgeschichte, wie sie der
Evangelist Lukas erzählt. „Es begab sich aber zu der Zeit …“ so beginnt sie.
Wie haben sie gestern Abend in den Gottesdiensten gehört. Und bestimmt könnten
viele den Text dieser Weihnachtsgeschichte auswendig mitsprechen, so vertraut
ist sie uns und so sehr lieben wir sie. Sie hat ja auch sämtliche Bilder und
Vorstellungen für Weihnachten geprägt. Weihnachten, das sind eben für uns Maria
und Josef mit dem neugeborenen Kind in der Krippe. Engel und Hirten, Ochs und
Esel und schließlich noch die drei Weisen aus dem Morgenland vervollständigen
die Szene. Das ist das Inventar unserer Weihnachtskrippen, wie sie jetzt viele
Wohnzimmer und auch unsere Kirchen schmücken.
In
der Bibel gibt es aber – wie gesagt - nicht nur eine Weihnachtsgeschichte,
sondern mehrere. Beim Evangelist
Johannes etwa beginnt sie mit den Worten „Im Anfang war das Wort“, um dann so
fortzufahren: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ So spricht das
Johannes-evangelium von der Menschwerdung Gottes.
Auch
der Predigttext für den ersten
Weihnachtsfeiertag aus dem Brief des Paulus an Titus erzählt davon, wie
Gott als Mensch auf die Erde zu den Menschen kam, um ihnen seine Liebe zu
verkündigen. Ein paar Verse vor unserem Predigtabschnitt finden wir sogar so
etwas wie die Überschrift für die Weihnachtsgeschichte nach Titus. Sie heißt: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes
allen Menschen.
Ich
denke an die Engel auf den Hirtenfeldern bei Bethlehem in der Heiligen Nacht
und bin sicher, sie haben nicht nur das gesungen, was der Evangelist Lukas
erzählt, Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines
Wohlgefallens, sondern die Engel haben bestimmt auch so gesungen: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes
allen Menschen. Im Grunde genommen ist es derselbe Lobgesang.
Um
von Weihnachten zu erzählen, von Gottes Liebe und Nähe zu den Menschen, braucht
Paulus, der Verfasser des Briefes, in dem unser Predigttexts steht, keine Bilder
wie Lukas. Lukas entwirft eine stimmungsvolle Szene im Stall, die unsere Herzen
berührt. Paulus hingegen spricht nicht von Engeln und Hirten, auch Maria und
Josef kommen nicht vor, ja noch nicht einmal der Name Jesus Christus wird
genannt. Und doch sagt er das Wesentliche, das Hoffnungsvolle, das, was uns
erfreut und uns berührt und uns erreicht. Und er sagt es nicht theoretisch oder
abstrakt. Er sagt es zunächst so: Als
aber erschien die Freundlich-keit und Menschenliebe
Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig.
Das
klingt wie ein Weihnachtsgeschenk. Wie das erwünschte und erhoffte
Weihnachtsgeschenk, das mich wirklich meint und mich wirklich erreicht, das
mich selig macht. Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe. Ein Geschenk.
In
irgendeinem alten Hollywood-Film habe ich eine Szene gesehen, die mir wieder in
den Sinn kam, als ich den Predigttext las. Ich meine vor allem die Stelle, wo
davon die Rede ist, wie Gott seinen Heiligen Geist reichlich über uns ausgegossen hat.
Diese
Filmszene spielt bei einem großen Fest, vielleicht ist es eine Hochzeit oder
vielleicht war es auch Weihnachten, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ist
dort eine riesige Pyramide aus feinsten Sektgläsern aufgebaut. In einem großen
Kreis stehen die Gläser auf einem Tisch und jeweils auf den Rändern dieser
untersten Gläser stehen weitere Gläser in einer zweiten Etage, und so weiter in
fünf oder sechs Etagen, bis ganz oben nur noch ein einziges Glas über allen
anderen steht. Dieses eine Glas wird nun bei dem Fest vom Gastgeber mit Sekt
gefüllt bis es überläuft. Eine ganze Flasche wird in dieses eine Glas gefüllt,
das natürlich überläuft und überlaufend die darunter stehenden
Gläser füllt. Und immer weiter wird nur dieses eine oberste Glas gefüllt. Wie
in einer Kaskade läuft der Sekt immer weiter nach unten in die anderen Gläser –
oder eben auch nicht. Natürlich geht auch einiges daneben und läuft nicht nur in
die Gläser, sondern auch über den Tisch. Aber darum geht es ja nicht. Es ist ja
scheinbar genug da, um dieses kostbare Getränk so verschwenderisch auszu-schenken.
Wie
in diesem Film reichlich ausgegossen
wird, zeigt die Lebensfreude und Ausgelassenheit dieses Festes. Die Festgäste
staunten über die überströmende Lust an der Gastfreundlichkeit des Gastgebers. Sekt,
ein Getränk das so viel Sorgfalt und Zeit und allerfeinste Zutaten bei der
Herstellung bedarf, wird so sorglos und üppig ausgeschenkt.
Diese
Filmszene mit der Gläserpyramide, ein Bild von außerordentlicher Großzügigkeit
und Verschwendung, fiel mir ein, als ich den Predigttext las, wo eben auch davon
die Rede ist, wie von Gott für uns
Menschen reichlich ausgegossen wird.
Und
ich versuche aus der Weihnachtsgeschichte nach Titus, die ja doch - im Unterschied zur Weihnachts-geschichte nach Lukas - arm an Bildern ist, eine Geschichte
zu machen, die vor unserem inneren Auge Bilder entstehen lässt. Bilder von
Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe. Ich stelle mir vor: Gott als der
Gastgeber eines ausgelassenen Festes mit unzähligen Gästen, verschwenderisch
großzügig, von überströmender Festfreude. Alle hat er eingeladen und keiner
soll draußen bleiben. Seinen Heiligen Geist will er über alle ausgießen. Alle
sind eingeladen zu seinem Fest. Ich muss daran denken, dass in diesen Tagen ja
tatsächlich fast überall auf der Welt die Arbeit ruht und die Menschen
Weihnachten feiern, egal ob sie dabei nun an die Geburt von Jesus Christus
denken oder nicht. Vielleicht können wir es auch einmal so sehen: da breitet
sich eine überströmende Festfreude aus, der Gott keine Grenzen setzt. Wie der
überströmende Sekt.
Die
Weihnachtsgeschichte nach Titus: ein großzügiges Fest. Doch nicht alle, die zu
diesem Fest kommen, sind festlich gestimmt. Es gibt Menschen, denen fällt es
schwer, Weihnachten zu feiern. Gerade weil dieses Fest mit so hohen Erwartungen
belegt ist.
Doch
ich möchte im Bild der Festeinladung bleiben. Da gibt es bei diesem Fest Gottes
auch Geschenke für alle Eingeladenen.
Zuerst
diese Geschenke: Gottes Freundlichkeit
und Menschenliebe: Gott kennt die Menschen, die an Weihnachten zu ihm kommen,
gut. Mit ihrer Last mit Weihnachten. Er kennt die hohen Erwartungen und die
Angst vor Enttäuschungen. Menschenliebe Gottes heißt für mich: er weiß, wie wir
Menschen sind und wirft es uns nicht vor. Er nimmt auch all diese Last, die Enttäuschung
und die Angst freundlich an. Und ich glaube, allein schon dadurch kann es uns
leichter werden. Gottes Heiliger Geist ist auch ein heilender Geist. Der die
Last leichter machen kann und die Tränen abwischen kann. Gott hat seinen
Heiligen Geist, seinen heilenden Geist, reichlich über dir ausgegossen.
Das nächste Geschenk heißt: Erneuerung.
Das
ist tatsächlich ein Geschenk, wenn Gott uns zusagt: ihr dürft neu werden. Alte
Bitternis und Traurigkeit dürft ihr ablegen
und neu werden. Weil da einer ist, der all unsere Last und Sorge teilt und der
sich als Mensch an unsere Seite stellt. Gott hat seinen Heiligen Geist
reichlich über dir ausgegossen.
Schließlich
erhalten wir auf diesem Fest noch ein weiteres Geschenk: durch Gnade sind wir gerecht geworden. Es ist, als wenn Gott uns
zuspricht: du bist gut genug! Du musst nicht noch besser und anders sein als du
bist, du bist gut genug. In so vielen Dingen mühen wir uns ständig mit eigenen
Ansprüchen oder den Erwartungen anderer, denen wir dauernd nur hinterher
laufen. Unzufrieden, gehetzt, von uns selbst und anderen enttäuscht laufen wir
durchs Leben. Und dann erhalten wir Gottes Weihnachtsgeschenk: du bist gut
genug! Zweifele nicht an dir, denn Gottes Liebe ist bei dir. Gott hat seinen
Heiligen Geist reichlich über dir ausgegossen.
Die
Weihnachtsgeschichte nach Titus kann neue weihnachtliche Bilder in uns
entstehen lassen. Das Bild einer Festeinladung von verschwenderischer
Großzügig-keit, von ansteckender Festfreude, von
gemeinsamer Lust am Leben. Denn Gott, der Einladende bedenkt in seiner
Freundlichkeit und Menschenliebe alle, die kommen, mit verschwenderisch
großzügigen Geschenken. Es ist reichlich über euch ausgegossen Gottes Heiliger,
heilender Geist, der euch neu macht. Amen.
Und
der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn. Amen.