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Predigt

von Pfarrerin Mechthild Böhm

Predigt über Titus 3, 4-7  am 25.12.2009 in der Lutherkirche

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

In der Bibel gibt es nicht nur eine Weihnachtsgeschichte, sondern mehrere. Die bekannteste und beliebteste ist natürlich die Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt. „Es begab sich aber zu der Zeit …“ so beginnt sie. Wie haben sie gestern Abend in den Gottesdiensten gehört. Und bestimmt könnten viele den Text dieser Weihnachtsgeschichte auswendig mitsprechen, so vertraut ist sie uns und so sehr lieben wir sie. Sie hat ja auch sämtliche Bilder und Vorstellungen für Weihnachten geprägt. Weihnachten, das sind eben für uns Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind in der Krippe. Engel und Hirten, Ochs und Esel und schließlich noch die drei Weisen aus dem Morgenland vervollständigen die Szene. Das ist das Inventar unserer Weihnachtskrippen, wie sie jetzt viele Wohnzimmer und auch unsere Kirchen schmücken.

In der Bibel gibt es aber – wie gesagt - nicht nur eine Weihnachtsgeschichte, sondern mehrere.  Beim Evangelist Johannes etwa beginnt sie mit den Worten „Im Anfang war das Wort“, um dann so fortzufahren: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ So spricht das Johannes-evangelium von der Menschwerdung Gottes.

Auch der Predigttext für den ersten  Weihnachtsfeiertag aus dem Brief des Paulus an Titus erzählt davon, wie Gott als Mensch auf die Erde zu den Menschen kam, um ihnen seine Liebe zu verkündigen. Ein paar Verse vor unserem Predigtabschnitt finden wir sogar so etwas wie die Überschrift für die Weihnachtsgeschichte nach Titus. Sie heißt: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.

Ich denke an die Engel auf den Hirtenfeldern bei Bethlehem in der Heiligen Nacht und bin sicher, sie haben nicht nur das gesungen, was der Evangelist Lukas erzählt, Ehre sei Gott in der Höhe und  Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens, sondern die Engel haben bestimmt auch so gesungen: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen. Im Grunde genommen ist es derselbe Lobgesang.

Um von Weihnachten zu erzählen, von Gottes Liebe und Nähe zu den Menschen, braucht Paulus, der Verfasser des Briefes, in dem unser Predigttexts steht, keine Bilder wie Lukas. Lukas entwirft eine stimmungsvolle Szene im Stall, die unsere Herzen berührt. Paulus hingegen spricht nicht von Engeln und Hirten, auch Maria und Josef kommen nicht vor, ja noch nicht einmal der Name Jesus Christus wird genannt. Und doch sagt er das Wesentliche, das Hoffnungsvolle, das, was uns erfreut und uns berührt und uns erreicht. Und er sagt es nicht theoretisch oder abstrakt. Er sagt es zunächst so: Als aber erschien die Freundlich-keit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig.

Das klingt wie ein Weihnachtsgeschenk. Wie das erwünschte und erhoffte Weihnachtsgeschenk, das mich wirklich meint und mich wirklich erreicht, das mich selig macht. Gottes Freundlichkeit und  Menschenliebe.  Ein Geschenk.

 

In irgendeinem alten Hollywood-Film habe ich eine Szene gesehen, die mir wieder in den Sinn kam, als ich den Predigttext las. Ich meine vor allem die Stelle, wo davon die Rede ist, wie Gott seinen Heiligen Geist reichlich über uns ausgegossen hat.

Diese Filmszene spielt bei einem großen Fest, vielleicht ist es eine Hochzeit oder vielleicht war es auch Weihnachten, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ist dort eine riesige Pyramide aus feinsten Sektgläsern aufgebaut. In einem großen Kreis stehen die Gläser auf einem Tisch und jeweils auf den Rändern dieser untersten Gläser stehen weitere Gläser in einer zweiten Etage, und so weiter in fünf oder sechs Etagen, bis ganz oben nur noch ein einziges Glas über allen anderen steht. Dieses eine Glas wird nun bei dem Fest vom Gastgeber mit Sekt gefüllt bis es überläuft. Eine ganze Flasche wird in dieses eine Glas gefüllt, das natürlich überläuft und überlaufend die darunter stehenden Gläser füllt. Und immer weiter wird nur dieses eine oberste Glas gefüllt. Wie in einer Kaskade läuft der Sekt immer weiter nach unten in die anderen Gläser – oder eben auch nicht. Natürlich geht auch einiges daneben und läuft nicht nur in die Gläser, sondern auch über den Tisch. Aber darum geht es ja nicht. Es ist ja scheinbar genug da, um dieses kostbare Getränk so verschwenderisch auszu-schenken.

Wie in diesem Film reichlich ausgegossen wird, zeigt die Lebensfreude und Ausgelassenheit dieses Festes. Die Festgäste staunten über die überströmende Lust an der Gastfreundlichkeit des Gastgebers. Sekt, ein Getränk das so viel Sorgfalt und Zeit und allerfeinste Zutaten bei der Herstellung bedarf, wird so sorglos und üppig ausgeschenkt.

Diese Filmszene mit der Gläserpyramide, ein Bild von außerordentlicher Großzügigkeit und Verschwendung, fiel mir ein, als ich den Predigttext las, wo eben auch davon die Rede ist, wie von Gott  für uns Menschen reichlich ausgegossen wird.

Und ich versuche aus der Weihnachtsgeschichte nach Titus, die ja doch  - im Unterschied zur Weihnachts-geschichte nach Lukas - arm an Bildern ist, eine Geschichte zu machen, die vor unserem inneren Auge Bilder entstehen lässt. Bilder von Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe.  Ich stelle mir vor: Gott als der Gastgeber eines ausgelassenen Festes mit unzähligen Gästen, verschwenderisch großzügig, von überströmender Festfreude. Alle hat er eingeladen und keiner soll draußen bleiben. Seinen Heiligen Geist will er über alle ausgießen. Alle sind eingeladen zu seinem Fest. Ich muss daran denken, dass in diesen Tagen ja tatsächlich fast überall auf der Welt die Arbeit ruht und die Menschen Weihnachten feiern, egal ob sie dabei nun an die Geburt von Jesus Christus denken oder nicht. Vielleicht können wir es auch einmal so sehen: da breitet sich eine überströmende Festfreude aus, der Gott keine Grenzen setzt. Wie der überströmende Sekt.   

 

Die Weihnachtsgeschichte nach Titus: ein großzügiges Fest. Doch nicht alle, die zu diesem Fest kommen, sind festlich gestimmt. Es gibt Menschen, denen fällt es schwer, Weihnachten zu feiern. Gerade weil dieses Fest mit so hohen Erwartungen belegt ist.

Doch ich möchte im Bild der Festeinladung bleiben. Da gibt es bei diesem Fest Gottes auch Geschenke für alle Eingeladenen.

Zuerst diese Geschenke: Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe: Gott kennt die Menschen, die an Weihnachten zu ihm kommen, gut. Mit ihrer Last mit Weihnachten. Er kennt die hohen Erwartungen und die Angst vor Enttäuschungen. Menschenliebe Gottes heißt für mich: er weiß, wie wir Menschen sind und wirft es uns nicht vor. Er nimmt auch all diese Last, die Enttäuschung und die Angst freundlich an. Und ich glaube, allein schon dadurch kann es uns leichter werden. Gottes Heiliger Geist ist auch ein heilender Geist. Der die Last leichter machen kann und die Tränen abwischen kann. Gott hat seinen Heiligen Geist, seinen heilenden Geist,  reichlich über dir ausgegossen.

Das nächste Geschenk heißt:  Erneuerung.

Das ist tatsächlich ein Geschenk, wenn Gott uns zusagt: ihr dürft neu werden. Alte Bitternis und Traurigkeit dürft ihr  ablegen und neu werden. Weil da einer ist, der all unsere Last und Sorge teilt und der sich als Mensch an unsere Seite stellt. Gott hat seinen Heiligen Geist reichlich über dir ausgegossen.

Schließlich erhalten wir auf diesem Fest noch ein weiteres Geschenk: durch Gnade sind wir gerecht geworden. Es ist, als wenn Gott uns zuspricht: du bist gut genug! Du musst nicht noch besser und anders sein als du bist, du bist gut genug. In so vielen Dingen mühen wir uns ständig mit eigenen Ansprüchen oder den Erwartungen anderer, denen wir dauernd nur hinterher laufen. Unzufrieden, gehetzt, von uns selbst und anderen enttäuscht laufen wir durchs Leben. Und dann erhalten wir Gottes Weihnachtsgeschenk: du bist gut genug! Zweifele nicht an dir, denn Gottes Liebe ist bei dir. Gott hat seinen Heiligen Geist reichlich über dir ausgegossen.

Die Weihnachtsgeschichte nach Titus kann neue weihnachtliche Bilder in uns entstehen lassen. Das Bild einer Festeinladung von verschwenderischer Großzügig-keit, von ansteckender Festfreude, von gemeinsamer Lust am Leben. Denn Gott, der Einladende bedenkt in seiner Freundlichkeit und Menschenliebe alle, die kommen, mit verschwenderisch großzügigen Geschenken. Es ist reichlich über euch ausgegossen Gottes Heiliger, heilender Geist, der euch neu macht. Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn. Amen.

 

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