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Predigt

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Predigt über Titus 2, 11-14  Heilig Abend 2009 Lutherkirche

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

in den letzten Tagen packten wir die Geschenke schön ein mit bunt bedrucktem Papier und glitzernden Bändern. Sie werden nachher geheimnisvoll im Schein des leuchtenden Christbaums glitzern. Wir feiern Weihnachten, beschenken uns, weil wir einen Geburtstag begehen. Und was haben wir auch schon vorher alles getan zur Vorbereitung dieses Festes. Uns Gedanken über unsere Lieben gemacht, was könnte zu ihnen passen, die Geschenke besorgt, das Essen besprochen, gebacken gekocht, der Schmuck, der Baum. Es ist alles vorbereitet für nachher in unseren Wohnzimmern.  Ja, es ist eine andere Stimmung als sonst. Die Kirche ist voll, Sie sind da, weil es für Sie an Weihnachten dazugehört, weil Sie sich ansprechen lassen wollen – von der Atmosphäre, von der Musik und auch von den Worten.

Und jetzt liegt hier für heute unter dem Baum ein Geschenk, der heutige Bibeltext, also die biblischen Worte, die für die Predigt vorgeschlagen sind. Es gibt ja eine bestimmte Sammlung von Texten, die immer für einen Tag vorgeschlagen sind. Den Bibeltext also für heute – wenn ich ihn mit einem Geschenk vergleichen darf -  ich lese ihn gleich vor – und wir werden merken: Da ist keine schöne Verpackung – da liegt das Geschenk fast schmucklos da. Oder ist es noch das Packpapier, das wir vom Postversand sehen? – also noch nichts mit Glitzern, Wohlgefühl, sondern eher die Frage: was ist denn das?

Der Predigtext steht im Titusbrief – es ist ein Satz aus 80 Wörtern und in der Übersetzung Martin Luthers… Hören sie selbst:

11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen

12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben

13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,

14 der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

An manchen Worten bleibt unser Blick, also unser innerer Blick hängen. Fast ist es wie in der modernen Kunst, ein abstraktes Gemälde oder eine abstrakte Skulptur, die uns da unter den Weihnachtsbaum als Predigttext gelegt ist. Wir erkennen ein paar Teile, stellen uns darunter was vor, finden manches ganz ansprechend, anderes ist ja provozierend bis nahe an die Grenze dessen, sich abzuwenden. Es wäre jetzt ja spannend mal hier zu fragen, was wer gehört hat. Wir sind heute so viele und bestimmt gäbe es auch viele verschiedene Satzfetzen, die hängengeblieben sind. Zucht, weltliche Begierden, heilsame Gnade, Herrlichkeit, reinigt, eifrig zu guten Werken.

Komme ich wieder zu dem Bild von dem Geschenk, dann ist es vielleicht diese alte Verpackung, die stört. Diese alten Worte. Kann es eine neuere Übersetzung, eben eine uns gewohntere Verpackung deutlicher machen, was der Inhalt dieses Bibeltextes ist? 

Darf ich Ihnen noch eine andere Übersetzung zumuten? Ich will ja keine Vorlesung halten. Aber wenn man es genau nimmt, ist das eigentlich nicht nur die Verpackung, die wir da sehen – es ist fast die Zusammenfassung, die  Kurzfassung in Neudeutsch: die Essentials des christlichen Glaubens. Nun eine zeitgemäße Übersetzung.

Denn in der Person Jesu Christi ist jetzt Gottes Barmherzigkeit sichtbar geworden mit der er alle Menschen retten will. Sie bringt uns dazu, dass wir uns von aller Gottlosigkeit, allen selbstsüchtigen Wünschen trennen, dafür aber besonnen und rechtschaffen leben, so wie es Gott gefällt. Denn wir warten darauf, dass sich bald erfüllt, was wir sehnlichst erhoffen, dass unser Herr und Erlöser Jesus Christus in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit und Größe erscheinen wird. Er hat sein Leben für uns gegeben und uns von allem Bösen und von aller Schuld befreit. So sind wir sein Volk geworden; bereit, ihm dankbar zu dienen.

 

Vielleicht sehen wir nun schon eher das Ganze, das Ziel des Textes. Und auch eben, was die Botschaft von Weihnachten ist. Ja, das stimmt, die Weihnachtsbotschaft ist eigentlich eine fröhliche, bunte und glitzernde und gleichzeitig doch eine, die unserem Verstand und unserer Vernunft einiges zumutet. Im Bibeltext ist schon für unsere Vernunft manch steile These: Leben wir gottgefällig? Leben wir besonnen und rechtschaffen? So wie es Gott gefällt? Leben wir mit der Hoffnung, dass Jesus Christus bald in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit erscheint? Wenn wir sein Volk sind, sind wir bereit, ihm dankbar zu dienen?

Das ist was für die Hardcore-Christen werden einige unter uns sagen.“ Ich bemühe mich wie ein anständiger Mensch zu leben. Einigermaßen mit meinem Mitmenschen auszukommen, manchmal sogar mit denen, die mich nerven. Ich bin für meine Familie da, ich tue auch gute Werke, ich bemühe mich ein guter Staatsbürger zu sein, eben ein guter Christ.“ So werden sie denken. Martin Luther, der Namensgeber unserer Kirche, hat davon gesprochen, dass es Gottesdienst im Alltag ist, eben auch an seinem Platz den Dienst zu tun, demütig und doch mit dem Bewusstsein, gehalten zu sein und mit dem was man tut im Leben auch Gott zu dienen.

Wahrscheinlich ist es deshalb auch so, dass der Gottesdienstbesuch an normalen Sonntagen nicht so ist wie heute. Wenn ich im Alltag ein guter Christ bin oder mich wenigstens bemühe einer zu sein, so höre ich immer wieder, muss ich dann sonntags in die Kirche rennen? Es ist eine gute evangelische Tradition sich um Rechtschaffenheit zu bemühen. Aber vielleicht ist dann über dieses Bemühen um ein christliches Verhalten im Alltag der Grund, die Basis des christlichen Glaubens immer schwächer geworden.

Jesu Kommen in die Welt: Weihnachten

 seine Auferstehung: Ostern

und die Erwartung der Wiederkunft Christi – ja, welches Fest ist das denn?

Weihnachten können wir noch gut feiern, Ostern ist schon schwieriger – Auferstehung Jesu? – aber Wiederkunft, wie es hier im Predigttext heißt:“..wir warten darauf …dass unser Herr  und Erlöser Jesus Christus in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit und Größe erscheinen wird.“ Das Jesuskind an Weihnachten – das lassen wir uns gern unter den Baum als Geschenk legen. Den gekreuzigten Christus, das ist schon anstößig, aber die Wiederkunft Christi  als Geschenk unter den Baum sozusagen – da fühlen wir uns doch fast an Sekten erinnert, die den Termin der Wiederkunft bestimmen und uns vor unser Haustür stehend auch davon überzeugen wollen.

Aber ich glaube, es gibt kaum einen unter uns, der hier wäre, und nicht die Sehnsucht hätte nach etwas, das anders ist, als dieser Alltag. Alles immer gut machen zu müssen kann ja auch ganz schnell dazu führen, immer leistungsfähig sein zu müssen. Nein, an Weihnachten, da ist etwas anders. Da ist etwas da, was mehr ist, als nur das sich Abmühen, selbst mehr als das ein wenig Freude und Spaß haben, mehr als jede Zerstreuung und Unterhaltung. Es ist ein Geschenk, ein echtes Geschenk. Es ist mehr da, als du siehst. Für Dich Mensch, du großartiger Mensch, du kleiner Mensch – du selbstbewusster, du furchtsamer. Für dich ist etwas geschehen, was den Rahmen deiner Wahrnehmung hier sprengt. Für Dich Mensch, ist etwas bereitgehalten, für Deine Sehnsucht, Dein Bedürfnis nach Liebe, für Deine Hoffnung die Last, die du trägst, ablegen zu können.

 

Vor ein paar Tagen ertönte direkt zu Anfang in einer Besprechung unter Pfarrerkollegen eine Stimme: „Sie haben ihren Bestimmungsort erreicht.“ Da hatte einer vergessen sein Navi auszuschalten und war wohl auf den Knopf des Navi gekommen. Es rief zuerst Gelächter hervor. Dann Nachdenken. Eigentlich ist es das ja, gerade auch für heute Abend. Wenn wir etwas spüren davon, was schon die vielen Christen vor uns gespürt, besungen und gehofft haben, gerade auch an diesem heutigen Abend, dann können wir hoffentlich im Leben sagen, dass wir einen Bestimmungsort haben, vielleicht im Leben und hoffentlich am Ende unseres Lebens auch sagen können: Du hast deinen Bestimmungsort erreicht.

 

Lasst es die frommen Christen Wiederkunft Christi nennen, lasst es die aufgeklärten Christen einfach die Liebe Gottes nennen. Es ist ein Geschenk. Es ist da. Für Dich.  Mitten unter uns, mitten in Dir.

Amen

 

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