Predigt
von Pfarrer Hoffmann-Schaefer
Liebe
Gemeinde,
in den letzten Tagen packten wir die
Geschenke schön ein mit bunt bedrucktem Papier und glitzernden Bändern. Sie
werden nachher geheimnisvoll im Schein des leuchtenden Christbaums glitzern.
Wir feiern Weihnachten, beschenken uns, weil wir einen Geburtstag begehen. Und
was haben wir auch schon vorher alles getan zur Vorbereitung dieses Festes. Uns
Gedanken über unsere Lieben gemacht, was könnte zu ihnen passen, die Geschenke
besorgt, das Essen besprochen, gebacken gekocht, der Schmuck, der Baum. Es ist
alles vorbereitet für nachher in unseren Wohnzimmern. Ja, es ist eine andere Stimmung als sonst.
Die Kirche ist voll, Sie sind da, weil es für Sie an Weihnachten dazugehört,
weil Sie sich ansprechen lassen wollen – von der Atmosphäre, von der Musik und
auch von den Worten.
Und jetzt liegt hier für heute unter
dem Baum ein Geschenk, der heutige Bibeltext, also die biblischen Worte, die
für die Predigt vorgeschlagen sind. Es gibt ja eine bestimmte Sammlung von
Texten, die immer für einen Tag vorgeschlagen sind. Den Bibeltext also für
heute – wenn ich ihn mit einem Geschenk vergleichen darf - ich lese ihn gleich vor – und wir werden
merken: Da ist keine schöne Verpackung – da liegt das Geschenk fast schmucklos
da. Oder ist es noch das Packpapier, das wir vom Postversand sehen? – also noch
nichts mit Glitzern, Wohlgefühl, sondern eher die Frage: was ist denn das?
Der Predigtext
steht im Titusbrief – es ist ein Satz aus 80 Wörtern
und in der Übersetzung Martin Luthers… Hören sie selbst:
11
Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
12
und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen
Wesen und den weltlichen Begierden
und besonnen, gerecht und fromm in dieser
Welt leben
13
und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen
Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,
14
der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller
Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre
zu guten Werken.
An manchen Worten bleibt unser Blick,
also unser innerer Blick hängen. Fast ist es wie in der modernen Kunst, ein
abstraktes Gemälde oder eine abstrakte Skulptur, die uns da unter den
Weihnachtsbaum als Predigttext gelegt ist. Wir erkennen ein paar Teile, stellen
uns darunter was vor, finden manches ganz ansprechend, anderes ist ja
provozierend bis nahe an die Grenze dessen, sich abzuwenden. Es wäre jetzt ja
spannend mal hier zu fragen, was wer gehört hat. Wir sind heute so viele und
bestimmt gäbe es auch viele verschiedene Satzfetzen, die hängengeblieben sind.
Zucht, weltliche Begierden, heilsame Gnade, Herrlichkeit, reinigt, eifrig zu
guten Werken.
Komme ich wieder zu dem Bild von dem
Geschenk, dann ist es vielleicht diese alte Verpackung, die stört. Diese alten
Worte. Kann es eine neuere Übersetzung, eben eine uns gewohntere Verpackung
deutlicher machen, was der Inhalt dieses Bibeltextes ist?
Darf ich Ihnen noch eine andere
Übersetzung zumuten? Ich will ja keine Vorlesung halten. Aber wenn man es genau
nimmt, ist das eigentlich nicht nur die Verpackung, die wir da sehen – es ist
fast die Zusammenfassung, die
Kurzfassung in Neudeutsch: die Essentials des christlichen Glaubens. Nun
eine zeitgemäße Übersetzung.
Denn
in der Person Jesu Christi ist jetzt Gottes Barmherzigkeit sichtbar geworden
mit der er alle Menschen retten will. Sie bringt uns dazu, dass wir uns von
aller Gottlosigkeit, allen selbstsüchtigen Wünschen trennen, dafür aber
besonnen und rechtschaffen leben, so wie es Gott gefällt. Denn wir warten
darauf, dass sich bald erfüllt, was wir sehnlichst erhoffen, dass unser Herr
und Erlöser Jesus Christus in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit und Größe
erscheinen wird. Er hat sein Leben für uns gegeben und uns von allem Bösen und
von aller Schuld befreit. So sind wir sein Volk geworden; bereit, ihm dankbar
zu dienen.
Vielleicht sehen wir nun schon eher
das Ganze, das Ziel des Textes. Und auch eben, was die Botschaft von
Weihnachten ist. Ja, das stimmt, die Weihnachtsbotschaft ist eigentlich eine
fröhliche, bunte und glitzernde und gleichzeitig doch eine, die unserem
Verstand und unserer Vernunft einiges zumutet. Im Bibeltext ist schon für
unsere Vernunft manch steile These: Leben wir gottgefällig? Leben wir besonnen
und rechtschaffen? So wie es Gott gefällt? Leben wir mit der Hoffnung, dass
Jesus Christus bald in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit erscheint? Wenn
wir sein Volk sind, sind wir bereit, ihm dankbar zu dienen?
Das ist was für die
Hardcore-Christen werden einige unter uns sagen.“ Ich bemühe mich wie ein
anständiger Mensch zu leben. Einigermaßen mit meinem Mitmenschen auszukommen,
manchmal sogar mit denen, die mich nerven. Ich bin für meine Familie da, ich
tue auch gute Werke, ich bemühe mich ein guter Staatsbürger zu sein, eben ein
guter Christ.“ So werden sie denken. Martin Luther, der Namensgeber unserer
Kirche, hat davon gesprochen, dass es Gottesdienst im Alltag ist, eben auch an
seinem Platz den Dienst zu tun, demütig und doch mit dem Bewusstsein, gehalten
zu sein und mit dem was man tut im Leben auch Gott zu dienen.
Wahrscheinlich ist es deshalb auch
so, dass der Gottesdienstbesuch an normalen Sonntagen nicht so ist wie heute.
Wenn ich im Alltag ein guter Christ bin oder mich wenigstens bemühe einer zu
sein, so höre ich immer wieder, muss ich dann sonntags in die Kirche rennen? Es
ist eine gute evangelische Tradition sich um Rechtschaffenheit zu bemühen. Aber
vielleicht ist dann über dieses Bemühen um ein christliches Verhalten im Alltag
der Grund, die Basis des christlichen Glaubens immer schwächer geworden.
Jesu Kommen in die Welt: Weihnachten
seine Auferstehung: Ostern
und die Erwartung der Wiederkunft
Christi – ja, welches Fest ist das denn?
Weihnachten können wir noch gut
feiern, Ostern ist schon schwieriger – Auferstehung Jesu? – aber Wiederkunft,
wie es hier im Predigttext heißt:“..wir warten darauf …dass unser Herr und Erlöser Jesus Christus in seiner ganzen
göttlichen Herrlichkeit und Größe erscheinen wird.“ Das Jesuskind an
Weihnachten – das lassen wir uns gern unter den Baum als Geschenk legen. Den
gekreuzigten Christus, das ist schon anstößig, aber die Wiederkunft
Christi als Geschenk unter den Baum
sozusagen – da fühlen wir uns doch fast an Sekten erinnert, die den Termin der
Wiederkunft bestimmen und uns vor unser Haustür stehend auch davon überzeugen wollen.
Aber ich glaube, es gibt kaum einen
unter uns, der hier wäre, und nicht die Sehnsucht hätte nach etwas, das anders
ist, als dieser Alltag. Alles immer gut machen zu müssen kann ja auch ganz
schnell dazu führen, immer leistungsfähig sein zu müssen. Nein, an Weihnachten,
da ist etwas anders. Da ist etwas da, was mehr ist, als nur das sich Abmühen,
selbst mehr als das ein wenig Freude und Spaß haben, mehr als jede Zerstreuung
und Unterhaltung. Es ist ein Geschenk, ein echtes Geschenk. Es ist mehr da, als
du siehst. Für Dich Mensch, du großartiger Mensch, du kleiner Mensch – du
selbstbewusster, du furchtsamer. Für dich ist etwas geschehen, was den Rahmen
deiner Wahrnehmung hier sprengt. Für Dich Mensch, ist etwas bereitgehalten, für
Deine Sehnsucht, Dein Bedürfnis nach Liebe, für Deine Hoffnung die Last, die du
trägst, ablegen zu können.
Vor ein paar Tagen ertönte direkt zu
Anfang in einer Besprechung unter Pfarrerkollegen
eine Stimme: „Sie haben ihren Bestimmungsort erreicht.“ Da hatte einer
vergessen sein Navi auszuschalten und war wohl auf
den Knopf des Navi gekommen. Es rief zuerst Gelächter
hervor. Dann Nachdenken. Eigentlich ist es das ja, gerade auch für heute Abend.
Wenn wir etwas spüren davon, was schon die vielen Christen vor uns gespürt,
besungen und gehofft haben, gerade auch an diesem heutigen Abend, dann können
wir hoffentlich im Leben sagen, dass wir einen Bestimmungsort haben, vielleicht
im Leben und hoffentlich am Ende unseres Lebens auch sagen können: Du hast
deinen Bestimmungsort erreicht.
Lasst es die frommen Christen
Wiederkunft Christi nennen, lasst es die aufgeklärten Christen einfach die
Liebe Gottes nennen. Es ist ein Geschenk. Es ist da. Für Dich. Mitten unter uns, mitten in Dir.
Amen