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Predigt Ostersonntag 2009  Markus 16, 1-8

von Pfarrerin Mechthild Böhm

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, [a] daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde,

 

Ostern ist ein fröhliches Fest. Mit Sonnenschein, erblüh-enden Knospen und frischem Grün. Bunte Ostereier gehören für die Kinder natürlich auch dazu und für viele auch der Osterspaziergang in der Sonne. So breitet sich die Osterfreude aus.

Was wir aber heute im Osterevangelium hören, ist etwas ganz anderes:

Ostern ist entsetzlich! Was die drei Frauen am frühen Ostermorgen erleben, ist das blanke Entsetzen. Und obwohl der Jüngling im weißen Gewand, dem sie am Grab Jesu begegnen, sie bittet: „Entsetzt euch nicht!“, so fliehen sie doch zitternd vor Furcht von dort.

Diese Ostergeschichte, in der noch gar nichts von der Osterfreude anklingt, erzählt von einer total tiefen Erschütterung. Die drei Frauen sind entsetzt, erschüttert, völlig orientierungslos, als sie den toten Jesus in seinem Grab nicht finden. Bis hin zur Osterfreude, in der sie glauben können, dass er lebt, ist es ein langer und weiter Weg, Und gerade deshalb ist diese Ostergeschichte – so finde ich - so ehrlich und so glaubhaft.

Die drei Frauen, Maria von Magdala und Maria und Salome, kommen sehr früh am Morgen zum Grab, - und doch kommen sie zu spät. Das Entscheidende, das Unerwartete ist schon geschehen. Sie haben es nicht miterlebt, dass der Stein, der die Grabhöhle verschloss, weg geschoben wurde. Sie waren nicht dabei, als Jesus vom Tod auferweckt wurde.

Warum kommen sie überhaupt? Dass dies geschehen ist, wissen sie ja nicht. Sie möchten dem toten Jesus einen letzten Dienst erweisen. Sie machen sich früh am Morgen auf den Weg zu seinem Grab, um seinen Körper mit wohlriechendem Öl zu salben. Aber sie wissen, dass sie gar nicht zu Jesus, in seine Grabhöhle, kommen können. Davor liegt ein gewaltiger, tonnenschwerer Stein, den nur viele Menschen zusammen mit großer Kraftanstrengung bewegen können. Dieser Stein verschließt die Grabhöhle. Dieser Stein versperrt ihnen den Weg. Sie gehen trotzdem. Es ist im Morgengrauen noch viel zu früh, als dass jemand unterwegs wäre, den sie bitten könnten, ihnen zu helfen, den Stein weg zu wälzen. Trotzdem gehen sie hin. Obwohl sie wissen, dass sie gar nicht an ihr Ziel kommen können, um das zu tun, was sie vorhaben.

Die drei Frauen wissen, dass es wehtun wird, am Grab noch einmal mit dem Tod konfrontiert zu sein. Trotzdem machen sie sich dorthin auf. Vielleicht meinen sie, dass sie im Angesicht des Toten seinen Tod endlich irgendwie begreifen können. Und es ist auch ein fürsorglicher Pragmatismus, den sie da an den Tag legen. Das Leben geht weiter, es geht mit dem Tod weiter, und sie tun, was eben zu tun ist mit verstorbenen Angehörigen. Die Rituale der Trauer und der Fürsorge für den Toten sind ja auch immer noch ein Zeichen der Verbundenheit mit ihm. So erleben wir es ja auch selbst mit unseren Verstorbenen. Die Trauer bleibt ja eine eigene Art der Beziehung mit dem Toten.  Erinnern, weinen, auch ein Grab pflegen, das sind ja alles Zeichen dafür, dass wir den Verstorbenen wirklich geliebt haben, und dass wir diese Liebe auch jetzt noch empfinden.

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“, so fragen sich die Frauen. Sie wissen, es ist niemand da, der ihnen helfen könnte. Sie wissen, dass sie es auch nicht allein schaffen können. Vielleicht gehen sie ja auch zum Grab, um angesichts des Steines gewahr zu werden: der Tote ist wahrhaftig tot. Das ist die furchtbare, aber eben auch erwartete Ordnung der Wirklichkeit, mit der sie rechnen. Damit können sie, so weh es tut, umgehen.

 

Und so ist es doch auch mit uns. Wir können doch auch mit dem erwarteten Ende unserer Hoffnungen besser umgehen, als damit, dass eine unerwartete Wende eintritt. Wir kommen doch auch oft mit der Trostlosigkeit besser zurecht, als dass unsere Phantasie dazu reichen würde, uns auszumalen, wie es weitergehen könnte. Wie wir dazu beitragen könnten, dass neues Leben aufblüht, dazu fehlen uns oft die Hoffnung und der Mut. So sind wir Menschen eben und so hat es uns die Erfahrung auch bitter gelehrt: wir erwarten eher den Tod als das Leben. Wir richten uns eher mit dem Ende ein als einem neuen Anfang zu trauen.

Was die Frauen am Ostermorgen am Grab erleben, ist ein verrücktes Durcheinander. Die Ordnung der Wirklichkeit, in der ein Toter tot bleibt, scheint außer Kraft zu sein. Der Stein ist von der Grabhöhle weggewälzt, der Tote ist nicht mehr tot! Mit dieser Wirklichkeit können sie nicht umgehen. Von dieser Unordnung der Geschehnisse sind sie völlig verstört. Von dieser neuen Wirklichkeit, die sie nie für möglich gehalten hätten, sind sie völlig überfordert. Sie können nur in Panik davonlaufen.

Zwischen diesem Todesschrecken und einer neuen Freude am Leben muss viel Zeit vergehen. Es ist viel innere Arbeit nötig und manchmal auch langes Warten, bis sich ein Weg ebnet, der vom Tod ins Leben führt. Bis wir dem Leben Glauben schenken können und die Osterfreude unsere Herzen wirklich erreichen kann, brauchen wir Zeit. Bis ein neuer Anfang uns glaubhaft erscheint, ist es ein langer Weg.

 

Auf diesen langen Weg machen sich auch die drei Frauen am Ostermorgen. Der Jüngling im weißen Gewand schickt sie vom Grab weg: Geht hin, (…) in Galiläa werdet ihr ihn sehen!  Sie werden weggeschickt vom Ort der Trauer und des Entsetzens. Ihr Leben soll eine neue Richtung bekommen und ihr Blick ein neue Perspektive. Nicht mehr auf das Grab blicken, auf den Tod und auf das Ende aller Hoffnungen. Dieser Schritt vom Grab weg ist auch eine Zumutung, denn sie wissen ja gar nicht wie und wohin sie gehen sollen.

 

Es ist ein langer Weg vom Entsetzen der Frauen am frühen Ostermorgen hin zur Osterfreude. Es braucht geduldiges Warten, dass neue Hoffnung auflebt, wo nur Schreck und Todesangst uns bestimmen.

Für die drei Frauen am frühen Ostermorgen beginnt Ostern mit Entsetzen. Die Osterbotschaft ist für sie – vielleicht manchmal auch für uns – erst mal eine Zumutung. Denn was sie am leeren Grab erfahren, das lässt ihnen ihre Trauer nicht. Das widerspricht ihren Tränen.  Das verhindert ihr Selbstmitleid.

Sie werden zurück ins Leben geschickt. Geht hin, ihr werdet ihn sehen Und dort werden sie erfahren, dass er wirklich lebt. In ihrem Leben werden sie ihm begegnen. Ihm, der stärker ist als Tränen und Trauer und Hoffnungslosigkeit und stärker selbst als der Tod. Sie werden zurück ins Leben geschickt, und dort in ihrem Leben, kommt ihnen der Auferstandene entgegen. In ihrem Leben, nicht am Grab, können sie die Kraft dieser neuen Wirklichkeit erfahren. Die frohe Osterbotschaft breitet sich in ihrem Leben aus.

 

Was heißt das für uns?

Manche von uns stehen vielleicht wie die Frauen entsetzt am leeren Grab und können es nicht fassen, dass der Tod nicht das letzte Wort haben soll. Zu sehr sind sie getroffen vom Verlust eines lieben Menschen, oder von einer ernsten Krankheit, oder von der bitteren Enttäuschung durch andere Menschen. Aber auch sie dürfen an diesem Ostermorgen die Stimme des Jünglings im weißen Gewand hören: Geht hin, ihr werdet ihn sehen, ihn, der den Tod überwunden hat. Ihn, der lebt und Leben schenkt, gegen allen Tod. Er wird in eurem Leben erfahrbar sein.

Andere unter uns haben sich vielleicht schon vom Grab abgewandt, wollen Spuren des Lebens suchen. Und sie entdecken doch so viel, was dem entgegensteht. Die Verzweiflung der Menschen, die durch das Erdbeben in den Abruzzen alles verloren haben. Die anhaltende Trauer der Familien der Amokopfer von Winnenden. Die eigene Mutlosigkeit.

 

Das alles zu benennen ist ehrlich und ist nötig, wenn die Osterbotschaft etwas mit dieser Welt zu tun haben soll. Aber das ist nicht alles. Die Osterbotschaft  verändert unseren Blick auf das Leben und auf unsere Welt.

 

Ostern ist aber mehr als nach belastenden Erfahrungen wieder gestärkt zu werden. Ostern ist mehr als mit einem schweren Verlust leben zu lernen.  Das auch. Aber noch viel mehr. Geht hin, ihr werdet ihn sehen Die drei Frauen konnten, weil Jesus lebt, ins Leben zurückkehren. Da gibt es weiterhin Leid und Tod und Grausamkeit. Menschen müssen sterben und andere Menschen müssen damit weiterleben. Aber von Ostern her scheint ein neues Licht in dieses Leben. Mit dem Dunkel dieser Welt hört nicht alles auf. Das Leben in Jesus Christus setzt sich durch. Von da her strahlt schon ein Licht in unser Leben und in alle Dunkelheiten.

       

Wie kann dieser Glaube unser Leben verändern? Wir dürfen glauben: alles, was unser Leben verdunkelt und belastet, ist nicht endgültig. Gott will uns verwandeln. Unser sterbliches, manchmal beschwertes und doch kostbares, einmaliges und wunderbares Leben ist bewahrt bei Gott.

Und dieses Leben soll Anteil haben am Leben Jesu Christi. Durch seinen Tod hat er dem Tod die Macht genommen. Er sendet die drei Frauen - und uns -  neu ins Leben. Geht hin, ihr werdet ihn sehen

 

Vielleicht so: Plötzlich hingewiesen werden auf eine Wirklichkeit, die wir – blind vor Tränen und nur auf uns selbst fixiert - nicht erahnen konnten. Das Leben wahrnehmen, wo wir nur den Tod sehen konnten. Mit einer Aufgabe neu ins Leben gesandt sein, wo wir keinen Ausweg mehr sahen. Neue Freude und Lust am Leben verspüren, wo wir keinen Sinn und keine Zukunft mehr sahen. Und völlig unerwartet die Kraft haben, dem Leben mehr zu trauen als dem Tod. Wie die drei Frauen am Ostermorgen. Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn. Amen.

 

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