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Predigt 29.3.2009  Markus 10, 35-45

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.

Jesus aber sprach zu ihnen:  Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. 41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.  45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Liebe Gemeinde,

 

Yes we can“ mittlerweile ist es schon fast sprichwörtlich geworden. Für was steht dieser Satz, den Barak Obamah in seinem Wahlkampf immer wieder in die Menge geschleudert hat. „Ja, wir können es.“ Oder „Ja wir schaffen es, die Bushregierung abzulösen.“  Aber es stand und steht noch für mehr? Wir schaffen es die Probleme zu meistern. Das amerikanische Lebensgefühl, der Mut der Menschen, die in das riesige Land kamen,  es besiedelten, aufbrachen um ein neues Leben zu beginnen, die Hoffnung es zu schaffen, besser zu leben als bisher, die Hoffnung auf eine gute Zukunft, mit der Hoffnung, dass es das gelobte Land ist. Heute schwingt bei dem „Yes we can“ wohl auch all dies mit. Vielleicht bekommen wir Deutschen das auch so gar nicht hin, mit diesem emphatischen Ausdruck,  mit dieser Hoffnung. Wir haben eher das Gefühl uns herumzuschlagen mit den festgefahrenen Gesetzen, den festgelegten Vorschriften, auch den vorgebahnten Lebensentwürfen, schon im Jugendalter an die Sicherung der Rente zu denken. Das ist in Amerika alles so nicht. Aber warum rede ich davon? Ich finde einen Teil von diesem „Yes we can“ in unserem Predigttext wieder. „Ja, das können wir!“ sagen die Jünger Johannes und Jakobus. Sie trauen sich auch etwas zu. Jesus hat die Frage gestellt: „Könnt ihr aus dem Kelch trinken, den ich trinke.“ Er meint damit, ob sie so leidensfähig sind wie er. Ob sie fähig sind, das Martyrium, das auf ihn zukommt, ebenso zu tragen. „Könnt ihr euch taufen lassen, mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“ D.h. könnt ihr der Bestimmung folgen, der Verheißung Gottes? Welch ein Selbstbewusstsein zeigen die beiden Jünger. „Ja, das können wir.“ Sagen sie. Markus erzählt uns diese Geschichte. Und natürlich würde er zwei von den engsten Freunden Jesu, zwei seiner Jünger, zwei der Apostel nicht sagen lassen oder auch nicht über sie schreiben: „Nein, das können wir nicht – dann lassens wir es lieber.“ Sie trauen es sich zu. Das Martyrium auf sich zu nehmen und der Bestimmung zu folgen. Ja, das tun sie. Deswegen hat Jesus sie ja berufen, deswegen sind sie ihm gefolgt. Und Jesus bestätigt es: Ja, das könnt ihr. Es wird später auch von den Jüngern heißen, dass sie Menschen heilen können, Petrus wird dieses auch tun. Die Jünger werden furchtlos   die Botschaft verbreiten und zumindest von Jakobus ist auch der Märtyrertod überliefert. Für alle spätere Christen, die diese Geschichte hörten, war sie auch Ansporn Jesu nachzufolgen. „Ja, das können wir.“ Sie brachen auf wie die amerikanischen Siedler in ein neues Land, in einen neuen Glauben, in ein neues Leben. Immer wieder machten sich Menschen auf den Weg in dem tiefen Glauben, dass ihr Leben dadurch einen Sinn bekommt, und dass sie teilhaben werden an der Zukunft mit Gott.

Nun stellen die beiden Jünger eine Frage, die ganz menschlich ist, deren Beantwortung durch Jesus aber, so meine ich, richtungsweisend für das Christentum und entscheidend auch für die spätere Überzeugungskraft der christlichen Gemeinschaft wurde. Jakobus und Johannes wollen die ersten sein. Das ist natürlich. Vielleicht bei Männern sowieso eher. Die besten sein. Ganz oben auf dem Treppchen stehen. Links und rechts „in deiner Herrlichkeit“ sagen sie. Alle sollen es sehen, wie toll sie sind. Wenn der Herr auf dem Thron sitzt, diese Vorstellung, angelehnt an die Herrschaftsformen der damaligen Zeit, dann sind die besten Plätze direkt daneben, dann sitzen dort die, die der Herrscher am meisten liebt, oder eben auch die, die er auszeichnen will.

Mit dieser Frage zeigen sich die beiden aber auch ganz menschlich. Sie erregen dadurch bei den anderen natürlich auch Ärger. „Sie wollen sich über uns erheben.“ Aber das ist eigentlich ganz normal. Selbst wenn es nicht in der Absicht geschieht, andere abzuwerten, so ist es doch normal menschlich, vorwärtszukommen. Besser zu sein als die anderen. Nicht nur Durchschnitt sein zu wollen, sondern hoch zu kommen. Das ist von Anfang an so – es beginnt in der Familie, wenn bei mehreren Kindern der Platz bei Mutter oder bei Vater begehrt ist, das ist in der Schule so, im Berufsleben. Ja, davon lebt unser Wirtschaftsleben, von der Konkurrenz, besser zu sein als der andere, das ist im Sport das wesentliche Element. So sind also die Jünger ganz normal. Aber durch Jesu Antwort wird deutlich, dass bei ihm etwas umgedreht wird. Der Theologe Gerd Theißen sagt von der Antwort Jesu: „Wäre von Jesus nur dieser eine Satz überliefert, wäre das Grund genug, Christ zu werden oder Christ zu bleiben.“

Jesus weiß um die Menschlichkeit seiner Jünger. Er weiß um die Verführung der Macht, er kennt die Herrscher seiner Zeit und weiß wie die unkontrollierte Macht in den Händen eines Menschen ihn verändert. Jesus spricht seine Jünger auch auf ihre Erfahrungswerte hin an: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigsten tun ihnen Gewalt an. Aber so“ und jetzt kommt das Entscheidende, „so ist es unter euch nicht, sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Das ist die Umkehrung aller Werte, wie sie der Philosoph Friedrich Nietzsche beim Christentum ablehnt. Das ist auch das, weswegen die Nationalsozialisten in Anlehnung an die Darwinsche Lehre, vom Kampf aller gegen alle, das Christentum bekämpften, als die Religion der Schwachen, der Zukurzgekommenen. 

Jesus stellt die Werte wirklich auf den Kopf. Wahre Stärke ist es, nicht nur den Kelch zu trinken, also Märtyrer zu sein – das kann genauso in Unmenschlichkeit und Terror münden – wir erleben es durch die Selbstmordattentäter heutiger Tage, die in falsch verstandenem Martyrium sich und andere in den Tod reißen. Nein, das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass es, wenn es ein Wetteifern gibt, darin besteht, den anderen zu dienen.  

So wurde das Christentum zu einer Religion, die viele überzeugte. Weil der Umgang bei den Christen untereinander nicht so war, wie Jesus es von den Herrschenden schildert, sondern geprägt durch Nächstenliebe und Gleichheit – das ist nicht Sklave noch Freier, sagt Paulus, da ist nicht Mann noch Frau, da ist nicht Jude noch Grieche. Es sind alle Menschen gleich vor Gott, gleich wert, gleich geliebt, wunderbare und einmalige Einzelanfertigungen Gottes sozusagen. Ihre Bestimmung ist nicht Gewalt, Haß und der Kampf aller gegen alle, nein, ihre Bestimmung ist die Liebe, das Annehmen des anderen, das Wahrnehmen auch des anderen als Geschöpf Gottes.

Auch das Christentum erfuhr im Laufe der Geschichte das, was Jesus gerade ablehnte: „Ihr wißt, sagt Jesus ja, „die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder und tun ihnen Gewalt an.“ Das galt später genauso auch für christliche Herrscher. Besonders wenn sie mit unumschränkter Macht ausgestattet waren.

Yes we can“ der Ruf könnte auch heißen – ja Jesus, wir können auch anders: Macht und Konkurrenzkampf unter uns müssen uns nicht so degenerieren, dass wir den anderen nicht mehr als Mensch achten. „Yes we can“, Ja, wir können auch anders.

Stolz sagt Martin Luther nach dem unsere Kirche und unsere Gemeinde benannt ist: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.  Stolz sage ich, weil man auch den zweiten Satz Martin Luthers dazu hören muss: Ein Christenmensch ist ein freier Mensch und niemanden untertan.

Genau das ist die Spannung, in der wir Christenmenschen leben: Frei zu sein, weil wir von Gott uns gehalten wissen und gleichzeitig dem Nächsten dienen zu können, weil wir wissen, dass dies die eigentliche Bestimmung des Menschen ist. Weil wir hoffen auf die Zukunft mit Gott. Ja, das können wir.

Amen  

 

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