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Predigt 26.12.2008
Johannes 1
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
Liebe Gemeinde,
am 2. Weihnachtstag geht das
Fest so langsam dem Ende zu. Aber mit den Weihnachtstagen haben für die meisten
von Ihnen wahrscheinlich auch ein paar ruhige Tage begonnen. Die Hektik der Vorweihnachtszeit
ist vorbei, die Lichter des Weihnachtsmarktes aus. Jetzt ist noch das
Wochenende vor uns, dann die zwei Tage zwischen den Jahren. Manche sind auch
schon unterwegs in den Urlaub. Man beginnt auch darüber nachzudenken, was
während des vergangenen Jahres so geschehen ist. Man hat auch mal Zeit über
etwas intensiver nachzudenken, wozu man während des hektischen Alltags nur
selten kommt. Ein gutes Buch lesen, gemütlich im Wohnzimmer zu sitzen, sich
unterhalten, oder mit den Kindern spielen oder Verwandte besuchen.
Eine besinnliche Zeit. Jetzt
nehmen wir uns auch im Gottesdienst die Zeit einen bekannten, aber doch nicht
so einfachen Predigttext zu hören.
Der Predigttext ist eine
Präambel für ein ganzes Evangelium, einer derjenigen, die mit ihrer Sprachgewalt
beeindrucken und die Lebensgeschichte
Jesu, seine Bedeutung wie mit einem Paukenschlag Gestalt gewinnen lassen. Es
ist der sogenannte Johannesprolog – der Beginn des Johannesevangeliums:
„Im Anfang war das
Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im
Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe
ist nichts gemacht, was gemacht ist. In
ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht
scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. .
9 Das war das
wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war
in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn
nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Wie viele ihn
aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an
seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des
Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. 14
Und das Wort ward Fleisch* und wohnte unter uns, und wir sahen seine
Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit.“
En archä än ho logos. Im Anfang
war das Wort. So übersetzt Martin Luther. Kai theos än ho logos. Und Gott war
das Wort, übersetzt er weiter. Ein machtvoller Beginn des Johannesevangeliums.
Sie kennen Goethes Faust. Er ringt um die richtige Übersetzung und damit auch
um die Bedeutung, diesem Anfang zu geben ist. Ich will Dr. Faustus zititeren:
Mich drängt’s, so sagt der
Faust,
Mich drängt’s den Grundtext
einmal aufzuschlagen mit redlichem Gefühl eimal das heilige Original in mein
geliebtes Deutsch zu übertragen.
Geschrieben steht: „Im Anfang
war das Wort!2
Hier stock ich schon! Wer hilft
mir weiter fort!
Ich kann das Wort so hoch
unmöglich schätzen,
ich muss es anders übersetzen,
wenn ich vom Geiste recht
erleuchtet bin.
Geschrieben steht: „Im Anfang
war der Sinn“.
Bedenke wohl die erste Zeile,
dass deine Feder sich nicht
übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt
und schafft
Es sollte stehn: „Im Anfang war
die Kraft!“
Doch, auch indem ich dieses
niederschreibe,
schon warnt mich was, dass ich
dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist. Auf einmal
seh ich Rat
und schreib getrost: „Im Anfang
war die Tat!“
Der Dichter lässt hier seine
Figur mit der Übersetzung des Textes ringen. Und in der Tat ist der Ausdruck,
der an dieser Stelle entscheidend ist, schwer vom Griechischen ins Deutsche zu
übertragen. Im Griechischen heißt es „logos“. Im Anfang war der Logos. Logos
kann verschieden ins Deutsche übersetzt werden: Wort, Sinn, Idee und vielleicht
sogar im weitesten Sinn: Tat, wie Faust es hier tut. Wir haben im Deutschen
kein Wort, das das griechische Wort logos treffen wiedergeben könnte. Und wenn
Dr. Faustus und mit ihm vielleicht auch Goethe mit der Übersetzung herumplagt,
so zielt er in der Tat in eine Richtung, die einen Graben auftut. Wort und Tat.
Gerade uns Kirchenleuten wird
das vorgehalten. Wenn’s schlecht läuft heißt es, sie predigen Wasser und
trinken Wein. Natürlich ist es in der Politik genauso unerträglich – wenn so
viel geredet wird und es steht nichts dahinter, keine Tat, kein Tun. Dann
bricht ein Graben auf, manchmal eben sogar ein Widerspruch zwischen Reden und
Tun. Für Goethes Faust besteht eine Einheit zwischen Wort und Tat, er übersetzt
den Begriff logos ja mit beidem: Wort und Tat.
Und tatsächlich müssen die
Menschen, die öffentlich reden, ob Kirchenleute oder Politiker sich vorwerfen
lassen, dass diese Einheit oft nicht gegeben ist.
Werfen wir einen Blick auf den
Verfasser des Evangeliums. Johannes. Ihm geht es nicht um dieses Problem. Für
ihn hat der Begriff logos eine ganz präzise Bedeutung. Er meint nichts
Unbestimmtes mit dem Logos, mit der Aussage „im Anfang war der Logos“. Für
Logos könnte man auch Christus einsetzen. Johannes will die Einheit Jesu
Christi mit Gott darstellen. Dass Jesus Christus das wahrhafte Licht war, das
in die Finsternis gekommen ist. Dass Gott wahrhafter Mensch geworden ist, er
ist Fleisch geworden und nicht irgendein außerirdisches Wesen geblieben. Er hat
sich dazu hergeben, Mensch zu werden.
Dies ist für Johannes die Kernaussage. Wenn daher Logos mit Wort, Sinn,
Kraft oder gar Tat übersetzt wird, gehört das zusammen. Wichtig ist für
Johannes die Tatsache, dass Gott auf die Welt gekommen ist in dem Menschen
Jesus Christus. Und in Jesus Christus ist die Spannung, der Graben zwischen
Wort und Tat aufgehoben. Er ist der logos, er vereint Wort, Sinn, Kraft und
Tag. Jesus hat, und dies vielleicht als einziger Mensch, so gelebt, wie er auch
geredet hat. Die Menschen haben es nicht begriffen, wer Jesus war und was Gott
mit seinem Kommen in die Welt sagen wollte und will. Das Licht scheint in der
Finsternis, er kam in sein Eigentum. Aber die Finsternis hats nicht ergriffen
und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Es war und ist für die Menschen
unverständlich, dieses Ereignis an Weihnachten. Das Fest wird gefeiert mit den
Geschenken und allerlei drum herum, aber es bleibt unbegreiflich, was es heißt,
dass Gott in die Welt gekommen ist und uns erlöst hat.
Damals war es für die Menschen
so unverständlich, dass sie Jesus umbrachten. Und viele bringen ihn heute immer
noch um. Sie kreuzigen Jesus immer noch. Das Morden, Unterdrücken, Foltern hat
nicht aufgehört. Die Nachrichten des Tages auch an den Weihnachtsfeiertagen
zeigen dies deutlich. Attentate im Irak, Anschläge in Afghanistan.
Darüber kann man verzweifeln.
Die Finsternis hats nicht ergriffen.
Wäre da nicht die Hoffnung, die
durch die Geburt Jesu Christi aufleuchtet. Das Wort ward Fleisch, so sagt es
Johannes. Wirklich und wahrhaftig. Die Einheit zwischen Wort und Tat, die
Wahrhaftigkeit ist Wirklichkeit geworden unter uns geworden.
Und wir können teilhaben daran.
„Denen, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Was sind das alles für steile Thesen, aber
auch Zusagen an uns. Gottes Kinder werden – in sein Wort zu vertrauen, seinem
Logos zu vertrauen, in seinem Wort zu leben, in seinem Geist und mit seiner
Hilfe und Kraft.
Können wir das so einfach?
Wir sind dabei nicht allein. Wir
haben eine Ahnung von seiner Herrlichkeit, wenn wir Weihnachten feiern. Wir
spüren etwas von seinem Geist, wenn wir beten und singen.
Es ist der Geist Gottes, der
logos, der Christus, der in uns wirkt, von Anfang an und bis zum Ende der Welt.
„Im Anfang war das Wort.“ Im
Anfang war Gottes Geist. und er ward Fleisch. Der Logos wurde Fleisch und
wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit vom Vater
voll von Gnade und Wahrheit.
Der logos, der Geist, Christus
lässt uns weiter in den Widersprüchlichkeiten dieser oft so friedlosen Welt
leben. Er lässt uns aber nicht allein, er hat uns die Hoffnung in unsere Herzen
gegeben.
Amen