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Predigt 24.12.2008 Lukas 2
Heilig Abend
Christvesper
von Pfarrerin
Mechthild Böhm
Lukas 2, 1-14
Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser
Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.
2 Und diese Schätzung* war die allererste und geschah zur Zeit,
da Quirinius Statthalter in Syrien war.
3 Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeder in
seine Stadt.
4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt
Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil
er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten
Weibe;* die war schwanger.
6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte.
7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und
legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den
Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des
Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich
verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus,
der Herr, in der Stadt Davids.
12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in
Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
13 Und alsbald war da bei dem Engel [a] die Menge der himmlischen
Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und [b] Friede auf Erden bei den Menschen
seines Wohlgefallens.
Liebe Gemeinde,
„Es begab sich aber zu der Zeit…“
Für viele Menschen wird es Weihnachten, wenn sie diese Worte hören. Und nicht
wenige könnten wahrscheinlich die Worte der Weihnachtsgeschichte mitsprechen,
die das Lukas-Evangelium überliefert hat. So wichtig und vertraut ist uns diese
Weihnachtsgeschichte, die mit den Worten „Es begab sich aber zu der Zeit…“
beginnt.
In dieser Weihnachtsgeschichte
berichtet der Evangelist Lukas, wie Gott in Jesus Christus auf die Welt, zu den
Menschen kommt. Lukas erzählt diese Geschichte so, dass sie uns als eine stimmungsvolle
Szene berührt. Die Hirten auf dem Feld, die Geburt im Stall…Aber das ist nicht
alles. So, wie Lukas diese Geburtsgeschichte erzählt, betrifft sie uns auch persönlich. Wenn wir die
Personen, die uns in dieser Geschichte begegnen, genauer betrachten, die Hirten und die Engel, Maria und Josef, dann
können wir entdecken: sie haben viel mit uns zu tun.
Der Evangelist Lukas ist ein
guter Erzähler. Er macht gleich zu Beginn dieser Weihnachtsgeschichte
unmissverständlich klar: diese Geschichte betrifft die ganze Welt. Denn er hebt
hervor: Gott kommt konkret in die Welt und in ihre Zeit. So beginnt Lukas auch
nicht mit den Worten „Es war einmal…“ Was er erzählt, ist kein Märchen und
keine Phantasie. Nein, was er erzählt, hat einen bestimmten Ort auf der Welt
und einen bestimmten Zeitpunkt in der Zeit der Welt: zur Zeit des Herrschaft
des Kaisers Augustus. Und der Ort heißt Bethlehem,
im jüdischen Land. Es ist der Ort,
auf den sich schon die Heilshoffnungen der Propheten konzentrierten. Und
zugleich ist es überhaupt kein Ort, der gute Voraussetzungen zu bieten hätte
für Gottes Kommen. Weder damals, als kein
Raum in der Herberge war, noch heute, wo dieser Ort mit einer gigantischen
Mauer Palästinenser und Israelis trennt.
Gott kommt – trotzdem!
Lukas bringt dieses armselige
Neugeborene mit dem damals mächtigsten
Herrscher der Welt, mit Augustus, in einen Zusammenhang. „Seine Geburt begab sich zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser
Augustus ausging.“ Er gibt damit
der auf den ersten Blick völlig unspektakulären Geburt eines Flüchtlingskindes
– das war Jesus ja in der Tat – einen Platz in der Weltgeschichte. Und macht
damit den Anspruch deutlich: hier kommt Gottes Geschichte ein für alle Mal in
die Weltgeschichte. Was hier geschieht, betrifft die ganze Welt und jeden
Menschen auf ihr.
Größer könnte der Kontrast nicht
sein: Kaiser Augustus als der mächtigste Herrscher der damaligen Welt – ein
Neugeborenes in einer Notunterkunft. Durch diesen Kontrast hebt Lukas hervor:
Gott kommt in die Welt. Sie ist für ihn nicht weit weg, er will mit der Welt
und mit den Menschen in dieser Welt etwas zu tun haben, - denn diese Welt braucht
ihn ganz unbedingt.
„Es begab sich aber zu der Zeit
…“ Schon gleich im ersten Satz der Wehnachtsgeschichte treffen Gegensätze
aufeinander: die Gleichzeitigkeit von Augustus und Jesus.
Gott kommt in die Welt. So wie
Lukas die Weihnachtsgeschichte erzählt, hören wir auch davon, wie Gott diese
Gegensätze überwindet, damit er auf der Welt, bei uns Menschen, ankommen kann. Diese
Weihnachtsgeschichte, wie wir sie kennen und lieben, strahlt eine Kraft und
einen Frieden aus, obwohl diese Spannungen überall mitklingen. Ich glaube
sogar, dass sie uns gerade deshalb so nah und so glaubwürdig ist. Denn diese
Weihnachtsgeschichte erzählt ja auch davon, wie Gegensätze versöhnt werden.
Erleben nicht auch wir es so an
Weihnachten: zwar wünschen wir uns eine besinnliche Adventszeit, aber zur
Besinnung kommen wir mit all den Weihnachtsvorbereitungen kaum. Und so sehr wir
uns zu Weihnachten Frieden wünschen, in den Familien, auf der ganzen Welt, wir
können es nicht machen und leiden gerade zu Weihnachten besonders daran. Unsere
Welt scheint für Gottes Kommen denkbar schlecht geeignet, und unser Leben ist
darauf nicht wirklich vorbereitet. Aber: Gott kommt trotzdem!
Auch die Personen in der
Weihnachtsgeschichte haben diese Spannungen erfahren – und sie durften
auch erfahren, wie diese Spannung sich
lösen – weil Gott zu den Menschen kommt. Und ich glaube, deshalb haben auch die
Personen der Weihnachtsgeschichte so viel mit uns zu tun.
Die Engel: eben noch haben sie
Gottes Erhabenheit schauen dürfen – nun sehen sie Hirten bei ihrer mühsamen,
schmutzigen, alltäglichen Arbeit. Statt im schön geschmückten Tempel in
Jerusalem zu singen, jubilieren sie nun über einem kleinen Lagerfeuer. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf
Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Aus der Höhe auf die Erde. Für
die Menschen. Für uns. So kommt Gott zur Welt.
Die Hirten: Fürchtet euch nicht!, ist das erste, was sie hören. Denn sie haben
Furcht. Manches in ihrem Leben ist wirklich zum Fürchten: die Armut, die
ungewisse Zukunft. Da geht es den Hirten nicht anders als vielen von uns, wenn
sie in das Jahr 2009 blicken. Die Hirten erschrecken über den
Verkündigungsengel und Gottes frohe Botschaft und hören doch: es ist für Euch! Siehe, ich verkündige euch große
Freude. Sie sind arm und plötzlich ganz reich beschenkt. Sie sind im
Dunkeln und doch auf einmal von Licht umgeben. Sie sind mitten im Leben und bei
der Arbeit, und als sie an die Krippe kommen, sind sie angekommen, bei dem, was
ihrem Leben Sinn und Halt gibt. Es ist nicht mit einem Schlag alles gut und
alles glatt, aber sie sehen, dass Gott auf ihrer Seite ist. Darauf kommt es an.
So kommt Gott zur Welt.
Josef: Er war voll von Zweifeln,
ob er überhaupt noch zu Maria stehen konnte mit ihrer erstaunlichen
Schwangerschaft. Heimlich überlegte er sogar, sie zu verlassen. Nun steht er
doch an der Krippe, ist bei ihr geblieben und wird auf der Flucht nach Ägypten
für sie und das neugeborene Kind zum fürsorglichen Beschützer und Retter. Trotz
aller Zweifel und Unzulänglichkeiten kann er gut für andere Menschen sein und
Gott befähigt ihn dazu. So kommt Gott zur Welt.
Maria. Gerade hat sie unter
Schmerzen und Schreien, in ungünstigsten Bedingungen, ihr erstes Kind geboren.
Und nun bestätigt sich im Gesang der Engel, im Besuch der Hirten an der Krippe,
was sie schon lange ahnt: es ist Gottes Kind! So menschlich. So kommt Gott zur
Welt. Sie lässt sich davon anrühren und es bestimmt ihr ganzes weiteres Leben. Maria aber behielt alle diese Worte und
bewegte sie in ihrem Herzen.
„Es begab sich aber zu der
Zeit…“ Wo verankern wir diese Geschichte in unserem Leben? Wo wird die
Weihnachtsgeschichte Teil unserer Lebensgeschichte? In welcher Person ist uns
die frohe Botschaft von Gott besonders nah? Es begab sich aber an Heiligabend
um 17 Uhr?? Diese weihnachtliche Punktlandung müssen wir uns nicht zumuten.
Viele sind an diesem Abend zu diesem Gottesdienst, zur Christvesper, gekommen,
damit es für sie Weihnachten wird. Damit sie etwas erahnen können davon, was es
heißt: Gott kommt zu den Menschen – auch zu dir und mir. Es mag sein, dass
dieser Gottesdienst diese Erwartung erfüllen kann. Es kann aber auch in zwei
Stunden sein, wenn Sie zu Hause sind, oder in zwei Tagen, wenn es ruhiger wird, oder erst in zwei Monaten, wenn ich Leere
spüre und mich nach Fülle sehne. Es kann sein, dass uns dann klar wird:
Weihnachten ist, wenn du erkennst: du wirst heil sein, heil und versöhnt. Nicht
aus eigener Kraft, sondern weil Gott zu den Menschen kommt.
So wie in Bethlehem, zur Zeit
des Kaisers Augustus, so will Gott auch an meinem Ort und zu meiner Zeit
gegenwärtig sein. Da war ihm der Kontrast damals nicht zu krass. Und auch heute
ist ihm der Abstand zu mir nicht zu groß. Gott kommt in die Welt. Auch in
meine.
Amen.