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Predigt 2.11.2008  Kohelet 3

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

 

Liebe Gemeinde

 

 „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“

so sagt der Prediger Salomos

 

„Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, um mir zuzuhören,“ so höre ich es immer wieder. Und einmal sagte jemand zu mir nach einem intensiven Gespräch: „Jetzt habe ich Ihnen aber Ihre Zeit weggenommen.“ Kann man Zeit nehmen oder wegnehmen? Wir haben die Vorstellung, dass Zeit wie ein Besitz ist. Zeit ist kostbar. Wir haben Zeit, auch wenn die meisten von uns eigentlich keine Zeit haben. Wir nehmen  uns Zeit. „Zeit ist Geld.“ so heißt es knapp und eindeutig. Zeit hat etwas mit Kapital zu tun. Wir meinen sie zu besitzen und über sie zu verfügen, geizen mit ihr und sitzen zuweilen auf ihr wie auf einem Geldsack. Wir teilen sie ein, knausern mit ihr, haben Arbeits-, Essens-, Schlafenszeiten und werden auch reizbar, wenn die gestört werden, vor allem die letztere. Zeit ist für viele knapp - so wie Geld knapp ist. Warten, also eine Zeit auszuhalten, bei der man nicht genau weiß wie lange es dauert, ist das Schlimmste für viele. Selbst die vier Minuten an der Supermarktkasse werden zuviel. Wir werden nervös, aggressiv und meinen unsere Zeit vergeht sinnlos. Es hat einmal jemand ausgerechnet, wieviel Zeit wir z.B. am Telefon zubringen, jemanden erfolglos zu erreichen. Es kamen dabei auf ein Menschenleben gerechnet mehrere Tage heraus. Scheinbar Sinnlose Zeit. „Nutzt eure Zeit.“ sagt selbst der Apostel Paulus.

Auf der anderen Seite stopfen wir unsere Zeit voll. Nur weil wir leere Zeit nicht vertragen können. Mit Stöpseln in den Ohren laufen wir herum, gebannt am Computer sitzend verbringen wir Tage, und viele Stunden vor einem viereckigen Kasten, den wir Fernseher nennen. Was stopfen wir unsere Zeit voll mit  in die Ferne sehen, Weil wir die Nähe nicht aushalten können?

Und dabei geraten die Rhythmen des Lebens immer mehr durcheinander. Was früher noch im Jahresrhythmus aufgehoben und in ihm begrenzt war, steht heute jederzeit und überall zur Verfügung. Mit Maschinen, die uns durch die Lüfte schnell an einen anderen Ort bringen, durchbrechen wir die Rhythmen der Natur, können und wollen uns der gegeben Zeit nicht mehr aussetzen.

Aber Zeit ist ja relativ. Deswegen können wir sie auch umstellen. Einfach so. Letztes Wochenende haben wir das ja auch getan. Oder wir nehmen Ruhezeiten und machen einen Einkaufssonntag daraus. So wie heute. Zeit ist Geld. Und von beidem möchten wir möglichst viel haben. Aber so richtig viel Zeit haben - wollen wir das wirklich? Wer unfreiwillig viel Zeit hat, Menschen in Altersheimen, Kranke in endlosen Nächten, Arbeitslose, die wieder gebraucht werden wollen, weiß, dass Zeit nicht nur Reichtum, sondern auch Ballast sein kann.

„Alles hat seine Zeit.“ Mit dieser Gewissheit spricht der Schreiber des Predigerbuches im ersten Teil der Bibel, im sogenannten Alten Testament über Leben und Tod, Lieben und Hassen, Klagen und Tanzen, Schweigen und Reden, Krieg und Frieden. Für die Zeiten des Hasses, des Klagens und des Krieges mag es ein Trost sein, dass die Zeit eine bemessene Zeit ist, dass es irgendwann vorbei sein muss. Aber das gilt ja auch genauso für die Zeiten der Liebe, des Tanzens, des Regens, des Friedens, ja des Lebens. Ist es deshalb so, daß wir versuchen in die Lebenszeit alles mögliche hineinzupacken, von dem wir meinen, es sei erfüllte Zeit. Sonst bliebe einem ja nichts mehr übrig, als fatalistisch zu werden, wie auch ansatzweise der Prediger klingt, wenn er sagt: (Pred 2,22

22) „Denn was kriegt der Mensch von aller seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne?“3,9 Man mühe sich ab, wie man will, man hat doch keinen Gewinn davon.“

Ich meine, wenn der Prediger sagt „Alles hat seine Zeit“ so gehört auch eine besondere Zeit dazu. Die Zeit zum Glauben. Der Mensch braucht zu seinem Menschsein auch Zeit zum Glauben. Damit meine ich gar nicht in erster Linie die jetzige Sonntagsvormittagsstunde im Gottesdienst. Die auch, ich meine aber vielmehr einen Rhythmus von Aktivsein und Ruhe, von Aufnehmen und Abgeben, Besinnen und Handeln, Alleinsein und Gemeinschaft. Dieser Rhythmus ist wesentlich für den Glauben. Es ist der Herzrhythmus des Sichzusammenziehens und Entspannens, des Einatmens und Ausatmens. Dazu gehört auch, dass der Mensch etwas davon weiß, dass alles seine Zeit hat, mehr noch: seine Zeit braucht. Das Anspannen und das Entspannen braucht seine Zeit. Das Arbeiten und Ruhen, das Konsumieren und das Nicht-Konsumieren Können braucht seine Zeit. Und das Glauben, das braucht auch seine Zeit. Was ist diese Zeit zum Glauben? Für mich ist es zuerst einmal Zeit, viel unangestrengte Zeit; Zeit, die nicht schon durch vorher festgelegte Verabredungen oder Einteilungen einschränkt, ja verdorben ist.  Es ist Zeit, die langsam abrollt, bis ich sie anhalte, und kein Telefon, kein Fernsehprogramm, kein Termin, kein wie immer geartetes „Muß“. Es ist die Zeit, in der ich mich einlassen kann auf ein paar Dinge, Gedanken, Klänge, auch auf Menschen. Zu solch wertvoller Zeit des Lebens, gehört für mich auch die Zeit,  in der ich mich einlassen kann auf ein gutes Buch. Wenn wir in der Gemeinde 25 Jahre eine Gemeindebücherei haben, dann verdanken wir das Menschen, die ihre Zeit einbringen, damit das geht. Wir bieten aber auch sozusagen sinnvolle Beschäftigung mit der Zeit an: ein gutes Buch zu lesen kann erfüllte Zeiten bescheren.

 Unser Glaube war immer verbunden mit dem Lesen, vor allem natürlich im Buch der Bücher. Die Vertreter des Glaubens waren aber auch immer Vertreter von Kultur und Bildung, d.h. sie lasen auch immer. Denken wir an die Einrichtung, die überhaupt Bildung im Mittelalter weitergab, die Klöster und Mönche. Sie waren und sind es aber auch, die die Zeit von Ruhe und Tun streng einteilen.

Aus Zeiten der ungegliederten und der gegliederten Ruhe kommt die Kraft, auch seinen Glauben mit aktivem Tun zu füllen.

Vielleicht ist das „Zeit-Haben“ eine Vorbedingung dafür, auch Zeit zum Glauben zu haben.

Vielleicht müssen wir „normale Menschen“ die Panik vor dem Nichtstun und der Stille ablegen, keine Hektik der Sinnsuche, kein gewaltsamer Zeitvertreib, keine Zeit-Vertreibung.

Es ist nicht leicht - das sehe ich ein. Wenn ich den ganzen Tag einer Arbeit ausgesetzt bin, die mich eben nicht erfüllt, leer macht, auspumpt und ich nicht zufrieden bin mit dieser Arbeitszeit, dann will ich meine restliche Zeit füllen.

Die Werbung suggeriert uns, wenn ich das große Los ziehe, Millionär werde, dann habe ich endlos Zeit, liege da, kratze mich ungeniert am Hintern und denke an nichts. Aber, abgesehen davon ob das das Lebensideal ist, darauf zu warten, bis ich Millionen gewinne, um Ruhe zu finden, ist ja eine fatale Illusion.

Uns müsste es doch gelingen, im Leben jetzt Ruhe und Stille zu finden, die dann wieder Aktivität und Kreativität freisetzt. Der Rhythmus des christlichen Glaubens erfordert den Wechsel von Einatmen und Ausatmen, Stille und Sprechen, Empfangen und Geben. Vielleicht können wir dann wieder das spüren und in uns zum Klingen bringen, was der Prediger andeutet: (Pred 3,11)

11 Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt.“ Was für eine Aussage der Prediger da macht: Die Ewigkeit ist in unser Herz gelegt. Die Ewigkeit. Die Zeitlosigkeit, die immerwährende Zeit, die Zeit ohne Maß. Sie ist uns gegeben. Aber, der Prediger weiß schon gleich um die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, dass wir gar nicht fassen können, was Ewigkeit ist, weil unsere Maßstäbe nur die lineare Zeit kennen, dass etwas ist, dass etwas war und dass etwas sein wird. Der Prediger sagt: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ Ganz in die Tiefe, ganz in die Weite der göttlichen Schöpfung können wir nicht schauen. Wir Menschen denken und können das auch nicht tun, wir denken in Raum und Zeit. Aber wer sich mit dem Werk Gottes beschäftigt z.B. mit der Erforschung der Materie wie es in der Physik geschieht, wird merken, je näher wir uns den vermeintlich kleinsten Teilchen der Materie nähern um so mehr verschwimmt die Wahrnehmung von Räumlichkeit und Zeit. Die kleinsten Teilchen sind weder räumlich noch zeitlich klar definierbar. Ein Physiker sagte einmal: Aus quantenmechanischer Sicht gibt es keine zeitlich durchgängig existierende, objektivierbare Welt.(Hans-Peter Dürr). Diese Aussage macht deutlich, wie alles von uns in bestimmten Rastern und Maßstäben festgelegt ist, die vielleicht unsere messbaren allgemeinen Erfahrung entsprechen. Aber diese Raster und Denkmuster können nicht alleinige Grundlage unseres Lebens sein. Es gibt etwas, das darüber hinausgeht. Wir pressen dies auch in unser Denkschemata von Raum und Zeit, wenn wir dies Gott nennen. Aber es sprengt allen Rahmen unserer Denkmöglichkeiten, wenn wir „Ewigkeit“ sagen. Wenn wir im Glaubensbekenntnis „ewiges Leben“ sagen. Da ist keine Zeit mehr zu füllen. Da ist die Zeit erfüllt. Wie es in den Evangelien von Jesu Kommen heißt.

Und vielleicht ist die „Zeit zum Glauben“ gerade so ein kleines Abbild dieser Ewigkeit.

Amen

 

 

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