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Predigt 7.9.2008 Hebräer 10, 35+36+39

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

35 Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.

36 Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.

39 Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

 

Liebe Gemeinde

Einen gelben Sack habe ich mitgebracht. Nicht leer, sondern voll. Da ist eine ganze Menge drin. Was eine Familie so wegwirft: Verpackungsmaterial, Dosen, Hüllen, Tüten. So einen hat jeder von uns zuhause stehen und füllt ihn immer wieder. Wir werfen vieles weg in unserer heutigen Zeit. Von kleinen Sachen, Bioabfall, bis hin zu ganzen Autos. Was eben unsere Industriegesellschaft so alles erzeugt. Vieles geht auf den Müll. Der Inhalt des gelben Sackes ist noch kein Müll, habe ich mir von einem Abfallexperten sagen lassen. Das ist Abfall. Müll, der kommt auf die Deponie. Abfall ist erst mal etwas, was auch noch verwertet werden kann. Aber für uns ist es aus dem Blick. Wir haben manchen Joghurtbecher noch schön im letzten Spülwasser gespült und dann ist er weg - im gelben Sack. Die Müllabfuhr holt die gelben Säcke 14 tägig ab. Wir sprechen dann von Entsorgung. Zumindest diese Sorge sind wir scheinbar los.

In unserem Predigttext heute ist von Wegwerfen die Rede. Wie ich finde ein auffällig aktueller Begriff. „Werft euer Vertrauen nicht weg.“ Viele haben das Vertrauen schon weggeworfen. Das Vertrauen in Gott auf den Müll geworfen. Scheinbar entsorgt. Manchmal lange damit gerungen, ob das Vertrauen noch zu gebrauchen ist, aber dann, es ist nicht mehr zu gebrauchen, nicht mehr tragfähig, kein Gefäß, das noch etwas aushalten kann. Manchmal wurde es überstrapaziert, das Vertrauen. Vielleicht durch tragische Erlebnisse, und dann ist es zerbrochen. Weggeworfen: Bei manchen aber nicht gleich auf den Müll. Vielleicht erst einmal Abfall. So wie der Abfall hier in den gelben Sack. Zusammen mit anderen Gefühlen, die auch erst einmal weg sind. Die Hoffnung, die Träume, dass doch einmal alles anders wird, die Fähigkeit auch, sich den Gefühlen zu stellen, sie ertragen zu können. Und doch...

Beim gelben Sack ist es ja so, dass diese Sachen dann noch mal sortiert werden. Irgendein Mensch macht sich daran und sortiert hier aus. Er trennt nach Müll und nach wieder verwertbaren Abfall. Und dann wird da eine Verkehrsinsel aus Plastik oder irgendein Poller draus. Eben etwas ganz anderes als vorher. Vielleicht landet das weggeworfene Vertrauen dann doch nicht auf dem Müllhaufen, sondern taucht in anderer Form wieder auf. Wenn ich das Wort Vertrauen mit dem Wort Glaube ersetze, dann wird es vielleicht deutlicher.

Ich will ein Beispiel aus meinem persönlichen Erleben zur Verdeutlichung erzählen. Eine Frau war gut katholisch. War in Kindheit und Jugend eingebunden in die Pfarrei und das Gemeindeleben. Im Studium kam die Distanz zu ihrer Kirche. Der Austritt und lange Zeit nichts. Scheinbar war das Vertrauen und der Glaube weg. Weggeworfen. Aber als ich bei ihr war, sah ich in ihrem Haus so etwas wie einen Altar. Sie hat zwei Kinder und – nein, sie ist nicht mehr in der christlichen Kirche. Sie feiert jetzt Sonnwende, betet zu den Elementen, der Mond spielt eine große Rolle, weibliche Figuren, selbst die Kinder waren von einer Heilerin „getauft“, so nannte sie es, aber nicht christlich. Sie redet davon, wie viel das Christentum in Europa zerstört hat an alten Bräuchen und Riten. Ihr Hausaltar war dementsprechend gestaltet – so weit ich es verstanden haben, waren die Elemente Erde, Luft usw. symbolisch dargestellt. Ich habe nicht alles begriffen.

Ich will ich es nicht verurteilen. Es war das alte Vertrauen, das sie als Kind kennengelernt hatte in der Kirche. Weggeworfen und jetzt kommt es in anderer Form wieder. Nein, die Formen sind fast gleich, der Inhalt ist ein anderer. Die Frau braucht ein Vertrauen. Es ist jetzt nicht mehr das christliche.

Es kommt mir so vor, wie wenn meine Kinder, als sie noch kleiner waren, anfingen zu basteln und dann die Sachen im Abfall entdeckten. Sie können aus allem noch etwas machen. Spielzeuge aus Abfall eben. Viele basteln sich so ihren Glauben zurecht.

Werft euer Vertrauen nicht weg. So steht es im Hebräerbrief. Es scheint auch damals, schon im 1. Jahrhundert immer in Frage gestanden zu haben. Es gab wohl auch für die Christen damals viel an Widersprüchen in ihrem Leben auszuhalten. Weniger die Widersprüche des christlichen Glaubens zur Naturwissenschaft –die gab es damals noch nicht, nein eher der Widerspruch zum Alltag. Die Verheißung des Reiches Gottes. Sie erfüllte sich nicht gleich. Geduld aber habt ihr nötig, schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes. Und dann sagt er etwas, was man im Laufe der späteren Jahrhundert der christlichen Gemeinschaft immer wieder als Negativum vorgehalten hat: Es wird eine Belohnung haben. Das Reich Gottes wird kommen. „Vertröstung auf das Jenseits“ – das war die marxistische Kritik. Wenn man auf etwas Zukünftiges verweist, ist man immer der Kritik ausgesetzt: Man verspricht etwas, was nicht überprüfbar ist. Wie die Versprechen vor der Wahl. Nur dass die Wahl sozusagen immer wieder hinausgezögert wurde und wird. Aber das ist wirklich das Elementare, was wir Christenmenschen anzubieten haben. Das Vertrauen in die Verheißung Gottes. Es ist mit vielem leicht aus der Hand zu schlagen. Es gibt keine naturwissenschaftlichen Argumente dafür. Und vieles im Leben spricht dagegen. Warum also soll ich das Vertrauen in Gott nicht ebenso entsorgen wie einen Joghurtbecher?

Es bleibt für uns Christen wirklich nichts anderes, als auf die Verheißung Gottes zu verweisen, wie sie uns in der Bibel überliefert ist, wie sie uns Jesus vorgelebt und gepredigt hat, wie sie das Leben von vielen Menschen vor uns und unter uns getragen hat und noch trägt. Manche heben sich sogar Joghurtbecher auf, irgendwo im Keller – man weiß nie, wozu man sie mal brauchen kann. Aber den Glauben, das Vertrauen irgendwo in den Keller zu stellen? Geht das? Dass ich weiß, tief in meinem Inneren, da war doch mal was? Und wenn ich ihn brauche, kann ich ihn wieder hervorholen? Ob das funktioniert? Aber was mache ich in der sonstigen Zeit? Ich glaube, dass jeder Mensch Vertrauen braucht, ohne Vertrauen nicht mal im ganz normalen Alltag  leben kann. Ohne ein Zutrauen in die Zukunft, in das was kommt, geht es nicht. Ob das immer das Vertrauen in Gott ist? Gut dran ist, wer dieses Vertrauen hat. Gut dran ist, wer auch noch um dieses Vertrauen bitten kann im Gebet zu Gott.

Werft euer Vertrauen nicht weg. Haltet daran fest. Es erfordert Geduld, sagt der Verfasser des Hebräerbriefes. Habe ich das? Haben Sie das? Geduld?

Ist uns diese versprochene Verheißung, diese Belohnung, wie es im Hebräerbrief heißt, das wert? Aber was kann denn mehr wert sein, als das ewige Leben und was kann mehr wert sein, als das Gefühl ein sinnvolles Leben im Vertrauen auf die Zukunft zu leben? Also – eher weg mit der Hoffnungslosigkeit – wirklich auf den Müll damit. Her mit dem Vertrauen. Das ist kein Müll. Für manche vielleicht Abfall. Aber es kommt wieder. Vielleicht ist das Vertrauen plötzlich auch unverhofft wieder da. Wie es manchmal  mir zuhause passiert, dass wir etwas weggeworfen haben, uns durchgerungen haben, und dann, dann tauchte es doch in Kinderhand wieder auf. Manchmal waren wir nicht sehr froh darüber. Aber das Vertrauen – gerade das taucht in Kinderhand wieder ganz massiv auf. So dass wir , die skeptischen Erwachsenen, etwas lernen können. Nicht umsonst verweist Jesus auf das Beispiel der Kinder und stellt ihren Glauben als vorbildlich hin. Also – erst mal weg mit dem gelben Sack. Das Vertrauen bleibt.

Amen

 

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