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der Luthergemeinde
Predigt 27.7.2008 Römer 11, 25-32
von Pfarrerin
Mechthild Böhm
Ich will euch,
liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für
klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die
Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden,
wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion
der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn
ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar
Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der
Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen
seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind
auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch
widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat
alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Liebe Gemeinde!
Gibt es heute noch Geheimnisse?
Vieles, was den Menschen in früheren Zeiten als geheimnisvoll erschien, können
wir modernen Menschen heute erklären.
Wie kommt es zum Wechsel von Tag
und Nacht? Warum sehen Kinder ihren Eltern ähnlich? Was passiert bei einem
Gewitter? Früher waren das Geheimnisse, heute jedoch nicht mehr. Wir sind
aufgeklärte Menschen.
Immer haben die Menschen
versucht, Antworten und Erklärungen zu finden für das, was ihnen geheimnisvoll
und unbegreiflich erschien. Und mit ihrem Forscherdrang haben die Menschen
viele Erklärungen gefunden. Die Erde dreht sich und kreist dabei um die Sonne.
So entstehen Tag und Nacht. Eltern vererben ihre Gene an ihre Kinder, und diese
beeinflussen eben auch das Aussehen. Deshalb können Kinder ihren Eltern ähnlich
sehen. Auch ein Gewitter erscheint heute nicht mehr so bedrohlich, schließlich
hat es die Wettervorhersage angekündigt und die Meteorologen können es
erklären.
Durch den Forscherdrang von uns
Menschen sind die Geheimnisse unserer Welt weniger geworden. Wir wissen, dass
das Weltall sich ständig noch weiter ausdehnt. Lässt uns das noch staunen
angesichts eines sternenklaren Nachthimmels?
Und auch der genetische Code des
Menschen ist entschlüsselt. Haben wir noch Respekt vor der Einzig-artigkeit
jedes Menschen? Ist er für uns mehr als die Summe seiner genetischen Merkmale?
Vieles können wir berechnen und erklären,
in Formeln und Tabellen festhalten. Auf diese Weise ist uns vielleicht hier und
da das Staunen und die Andacht abhanden gekommen.
Und doch sind Geheimnisse geblieben.
Ich glaube sogar, es müssen Geheimnisse bleiben. Wir brauchen
Geheimnisse, die uns daran erinnern: nicht über alles können wir verfügen,
nicht alles können wir erklären.
Es gibt Geheimnisse in unserem
Leben, so erfahre ich es, Dinge und Ereignisse, wo unser Denken und Fragen an
Grenzen stößt, Und sie gehören zu dem Kostbarsten überhaupt. Wo ich merke,
unser menschliches Denken und Fragen stößt an Grenzen, unsere Sprache reicht
zum Erklären nicht aus, da rühre ich an ein Geheimnis. Mit Respekt und Staunen
nehme ich es als ein Geheimnis wahr.
Wir können zwar heute biologisch
erklären, dass ein neuer Mensch gezeugt wird durch das Verschmelzen von Ei und
Samenzelle. Aber dass dies ein unverwechselbarer und einzigartiger Mensch sein
wird, das bleibt geheimnisvoll und unverfügbar.
Es ist geheimnisvoll, wenn zwei
Menschen ihre Liebe zueinander entdecken und verwundert und froh zugleich sich
fragen: warum liebe ich gerade dich? Es ist geheimnisvoll und wunderbar, dass
wir einander so nah kommen können und einander so sehr vertrauen. Vielleicht
ist die Liebe das tiefste Geheimnis überhaupt.
Wir wissen heute auch, dass ein
Mensch tot ist, wenn Herz und Hirn zu arbeiten aufhören. Aber was genau
geschieht, wenn ein Mensch stirbt und ein Leben endet, das bleibt unserem
Wissen entzogen, das bleibt geheimnisvoll und unerklärlich.
Wir wissen viel vom Werden und
Vergehen des Lebens, aber das, was wir davon wissen, erfasst doch das
Wesentliche nicht. Unser Leben ist geheimnisvoll – und auch Gott ist
geheimnisvoll. Manchmal lässt mich das staunen über die Schönheit des Lebens.
Von einem Geheimnis spricht
Paulus heute auch in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, unserem Predigttext.
Paulus, selbst der Herkunft nach Jude aus dem Volk Israel, ist Christ geworden.
Er verkündigt nun die frohe Botschaft von Gottes Liebe in Jesus Christus. Aber
was Juden und Christen in ihrem Glauben, durch ihren Gott verbindet, das kann
es nicht erklären. Es ist ein Geheimnis. Hier reicht auch der theologische
Scharfsinn eines Paulus nicht mehr aus. Auf die Frage, die ihn doch auch ganz
persönlich so bewegt, kann und will es selbst keine Antwort geben. Gottes
Geheimnis ist größer als das, was Paulus hier denken kann und was wir denken
können.
Es ist das Geheimnis von Gottes
Gnade, die sich an denen verwirklicht, die zu Jesus Christus „Ja“ sagen und
auch an denen, die zurzeit?) „Nein“ sagen. Aus Liebe hat Gott Israel erwählt.
Warum gerade dieses Volk vor allen anderen Völkern? Das bleibt sein Geheimnis.
Sein Versprechen gilt für Israel bis zum heutigen Tage. Das ist seine Treue,
die ewig bleibt. Dass wir dazugehören dürfen, durch Jesus Christus, auch das
ist ein Geheimnis. Und ein Beweis seiner Gnade und Treue auch zu uns. Der
heutige Tag, der 10. Sonntag nach Trinitaits, der Israelsonntag, stellt dieses
Geheimnis in den Mittelpunkt. Er lässt uns
das Gemeinsame bedenken: den
einen Glauben an den einen Gott. Und er macht uns den Unterschied bewusst,
durch den wir Christen an Jesus Christus glauben.
Durch den Forscherdrang von uns
Menschen sind viele Geheimnisse entschlüsselt. Doch andere Geheimnisse sind geblieben.
Und manche Erfahrungen unseres Lebens, ebenso wie Elemente unseres Glaubens
werden geheimnisvoll bleiben. Und das ist gut so.
Auch die Verhältnisbestimmung
von Gottes auserwähltem Volk Israel und uns Christenmenschen bleibt so ein
Geheimnis. Paulus kann auch nur von einem Geheimnis sprechen, wenn er über
Juden und Christen nachdenkt.
Es ist geheimnisvoll, dass Juden und Christen so unterschiedlich an
Gott glauben, und dass Gott sich aller erbarmen will.
Wo Christen das nicht mehr als
ein Geheimnis achten konnten, wurden schrecklich falsche und unheilvolle Deutungen geäußert. Israel sei verworfen,
die Christen jedenfalls seien überlegen, auf dieser schamlosen Behauptung
basierten alle Erklärungen.
Wir wissen um die Schuld, die
dadurch entstanden ist.
Wie können wir das heute als ein
Geheimnis achten, an dem wir auch Freude haben? Das uns nicht stört und zu
vorschnellen und falschen Antworten drängt. Sondern ein Geheimnis, das uns
immer wieder fasziniert und staunen lässt über Gottes Gnade.
Freuen können wir uns über den
gemeinsamen Reichtum der Psalmen. Diesen Schatz an Gebeten, die so viel
Lebenserfahrung beinhalten, teilen wir miteinander, ohne dass er dadurch
kleiner wird. Die Fülle der Lobgesänge und des Dankes, die Vielfalt der Klage in
Krankheit und Leid und die Möglichkeit, eigene Bitten mit den Worten der
Psalmen vor Gott zu bringen, verbinden uns miteinander. Auch die Geschichten
vom Anfang, die Erzählungen von Abraham und Sarah, vom Mose und Miriam ebenso
wie die Worte der Propheten hören wir beide. Es ist geheimnisvoll, dass wir sie
so unterschiedlich hören, dass es hier nicht richtig und falsch gibt.
Vielleicht lässt sich das
geheimnisvolle Verhältnis zwischen Juden und Christen, die beide Kinder
desselben Gottes sind, vergleichen mit dem Verhältnis unter Geschwistern.
Vielleicht ist es wie mit
Geschwistern in einer Familie. Sie werden von den selben Eltern geliebt, sie
werden mit den selben Idealen und Zielen erzogen, und doch entwickeln sie sich
ganz unterschiedlich. Und weil Kinder in ihren Bedürfnissen und in ihrem Wesen
so verschieden sind, verhalten auch Eltern sich nicht jedem gegenüber gleich.
Damit können die Kinder nicht immer gut umgehen, das ist ganz normal.
Ich weiß noch sehr gut, wie mein
Jüngster mich einmal voll Wut und
Vorwurf heulend anschrie: „Du hat ja den Jonathan viel lieber als mich!“ Er konnte es nicht ertragen, dass ich nicht
ihm das selbe ermöglichte und erlaubte wie dem älteren Bruder. Dass ich mich
nicht immer beiden gegenüber gleich verhalte, liegt daran, dass sie zwei
verschiedene Persönlichkeiten sind; dieses Geheimnis hat er jetzt kennen
gelernt. Dass ich zu beiden auch mal verschieden bin: so entspricht es jedem
und so ist jeder für sich geliebt.
Das Wesen von Christen und
Juden, sie sind verschieden. Der Weg von Christen und Juden t nicht derselbe.
Der Weg von uns Christenmenschen
zu Gott heißt Jesus Christus. Dass Gott offenbar mehr Wege weiß, Menschen zu
seinem Heil zu führen, das ist sein Geheimnis.
Dass Gott sich uns so unterschiedlich zuwendet,
das bleibt geheimnisvoll und schön. Dass Gottes Gnade reich genug ist für uns
alle, auch das bleibt sein Geheimnis. Gemeinsam leben wir aus dem Geheimnis von
Gottes Gnade. Amen.