Zur Seite von Pfr.
Hoffmann-Schaefer
Zur
Startseite der Luthergemeinde
Predigt 11.5.2008
Lutherkirche Mainz Pfingsten
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
So gibt es nun
keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz
des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von
dem Gesetz der Sünde und des Todes.
9 Ihr aber seid
nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer
aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.
10 Wenn aber
Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist
aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
Liebe
Gemeinde,
Verdammnis, Gesetz, Sünde, Tot,
Geist, Gerechtigkeit.
Heftiger Tobak, der Predigttext
aus dem Römerbrief des Paulus für heute. Schwere Worte gerade auch für den
Pfingstsonntag, dem Geburtstag der Kirche. Fast scheint er für eine andere Zeit
geschrieben zu sein. In einer anderen Zeit ist er geschrieben. Aber für heute?
In unserer Zeit heißt es Freiheit, Grenzenlosigkeit, Verfügbarkeit von allem zu
aller Zeit.
Unsere Kultur zeichnet sich
dadurch aus, dass möglichst immer alles noch schneller erledigt sein soll,
damit „Zeit gespart wird“. Kann das sein, dass die Zeit verschwindet. „Ich habe
keine Zeit,“ ist ein Satz, der vielleicht am klarsten ausdrückt wie es uns 2000
Jahre nach Paulus geht. Nicht dass Paulus nicht voller Unrast lebte,
unermüdlich getrieben von seiner Mission für den Herrn. Doch unsere Zeit ist
erheblich viel schneller geworden. Und anders als Paulus erwarten wir nicht das
unmittelbar bevorstehende Weltende. Wir sind Gefangene, oder wir fühlen uns so,
Gefangene einer unabsehbar weiter fließenden Zeit, von der wir meist zu wenig
haben. Und das Wenige ist schon lange verplant. Selbst die Kinder haben einen
Terminkalender. Wie schwierig ist es unter der Woche eine gemeinsames Treffen
der Konfirmanden zu arrangieren, weil alle dauernd Termine haben. Und wenn sich
dann mit dem Urlaub das lang ersehnte Schlupfloch aus dem Zeit-Gefängnis
öffnet, steht man erstmal im Stau. Oder man sitzt im Warteraum des Flughafens.
So stellen wir uns „Zeit haben“ auch wieder nicht vor. Hinter der Zeitarmut
steht das Gesetz unserer Welt: „Zeit ist Geld.“ Das bedeutet: möglichst alles,
was wir Menschen tun, soll mit Geld aufgerechnet werden können und Gewinn
bringen. Das gilt für die Herstellung eines Produktes, z.B. die Herstellung
einer zeitsparenden Maschine, das gilt aber auch genauso für die Dienstleistung
einer Krankenschwester, deren einzelne Pflegeleistungen genau nach Zeit
berechnet werden.
Was hat das alles mit Paulus zu
tun? Eine ganze Menge. Mit eindringlichen Worten hat er das Menschsein als
Gefangenschaft beschrieben. Wir kennen doch die Gebote Gottes, sagt er. Also
wissen wir genau, wie wir leben sollten, damit das Leben gelingt. Im Grunde
unseres Herzens wollen wir auch so leben: im Frieden mit Gott, in Harmonie mit
unseren Mitmenschen und voller Respekt voreinander und vor der Schöpfung
Gottes. „Aber“ sagt Paulus „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen
kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das
Böse, das ich nicht will, das tue ich.“
Mit diesen Worten können wir
heute den Zwiespalt zwischen Wollen und Tun beschreiben. So quält uns die
Einsicht, dass die Menschheit ganz offenbar das Weltklima ruiniert, mit
verheerenden Folgen für das Weiterleben der Menschheit auf diesem kleinen
Planeten. Aber wir verfeuern weiter heftig die Energiereserven der Erde. Die
wenigen kleinen Schritte der Vernunft, in mühsamen Verhandlungen der Unvernunft
und dem Egoismus abgerungen, drücken eher Ohnmacht aus als tatkräftige Wende
zum Besseren. Jedes Gipfeltreffen zum Klimawandel ist doch eher eine
Enttäuschung.
Was hindert uns, was hindert die
Menschheit, das einzig Richtige zu tun, nämlich vernünftiger und liebevoller
miteinander und mit dem Leben und der Schöpfung Gottes umzugehen? Paulus sagt:
„Wir sind gefangen vom „Gesetz der Sünde und des Todes“. Das bedeutet: die
menschliche Egoismen, die Gier, der fehlende Wille zum gerechten Ausgleich, die
Angst zu kurz zu kommen, oder eben am kürzeren Hebel zu sitzen. Die Angst in
der eigenen Lebenszeit nicht genügend gelebt und erlebt, nicht genügend
genossen zu haben. Und genau diese Angst lässt uns eher den Lebenssinn
verfehlen. Paulus sagt: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem
todverfallenen Leibe?“
Er hat natürlich die Antwort:
Dank sei Gott durch Jesus Christus unseren Herrn.
Und nach diesem Ausbruch des
Paulus kommt unser schwieriger Predigttext. „So gibt es nun keine Verdammnis
für die, die in Christus Jesus sind.“
Pfingsten feiern wir. Pfingsten bedeutet
den Empfang göttlicher Lebensenergien, religiös gesprochen: Den Empfang des
Heiligen Geistes. Herz, Geist und Seele werden getränkt wie ausgetrocknetes,
dürstendes Land und leben wieder auf: Auferstehung mitten im Leben. Pfingsten
bedeutet einen Aufbruch aus der Ängstlichkeit, der Besorgtheit. Ja, es bedeutet
loslassen zu können, um zu gewinnen. Manchmal muss uns etwas stark treffen, ein
Schicksalsschlag, eine Krankheit, damit wir es bemerken, wie wenig sinnvoll es
ist, der Zeit hinter her zu hetzen, sich abzumühen, um immer mehr Leben zu
gewinnen. In die Jünger damals fuhr es wie ein Wind, sie ließen ihr Angst los.
Und hier kommt auch wieder der starke Tobak des Paulus ins Spiel: Sie wussten
sich von der Verdammnis befreit, von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Und
das machte sie bereit zum Aufbruch. Sie waren Feuer und Flamme. Wie sagt Paulus
in unserem heutigen Predigttext: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist der
Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit
willen.“ Ja, der Geist Gottes ist es, der über die Jünger kam. Er ist Leben, er
ist Gott, der uns Leben gibt und um Christi willen den Tod besiegt hat. Auch
wenn wir immer noch dem Tod verfallen sind, so sind wir ihm doch nicht
ausgeliefert. Das Leben ist es, was die Gerechtigkeit Gottes will. Das ist die
Botschaft der Christen. Es war sie an Pfingsten und ist sie heute. Dass Petrus
sagt: „Jesus hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes.“
Diese Botschaft ist fast so schwer zu begreifen wie die Worte des Apostel
Paulus. Man kann immer wieder nur darum bitten, dass immer und immer wieder
Pfingsten sei. Dass der Heilige Geist Mut und Kraft gibt, daran zu glauben und
darauf zu vertrauen.
Wenn
wir meinen durch unser Gehetze durch die Zeit das Leben festhalten zu wollen,
dann werden wir es verlieren. Vielleicht können wir ein wenig aus der Zeit
Gottes schöpfen. Sie ist unerschöpflich. Vielleicht können wir von seiner
Quelle des lebendigen Wassers trinken. Das Tun dazu ist das Beten. Im Gebet
bekommen wir Zeit von Gott geschenkt. Im Beten lassen wir los. Im Beten öffnen
wir uns und wissen um unsere Vergänglichkeit. Im Beten erhalten wir die Kraft
dazu das Leben auszuhalten mit der Vergänglichkeit, mit der dahinrasenden Zeit.
Wir erhalten auch die Kraft die offenen Fragen des Lebens auszuhalten und nicht
mit blindem Aktionismus darauf zu reagieren. Wir erhalten auch die Kraft auf
den Nächsten zu sehen und auf die Schöpfung Gottes. Ebenso die Gelassenheit,
damit wir das richtige tun und das falsche lassen, auf Umwegen und holprigen
Pfaden vielleicht.
Wie sagt Paulus?: „Denn das
Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Jesus Christus, hat dich frei gemacht
von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“
Leben wir mit der Freiheit der
Kinder Gottes! Wir habe alle Zeit der Welt und alle Zeit Gottes!
Amen