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Predigt 16.3.2008 Lutherkirche Mainz

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Hebräer 12, 1-3

Liebe Gemeinde!

Auf dem Weg hierher sah ich sie wieder. Wie so oft sonntags morgens. Während wir hier im Gottesdienst zusammen sind, tummeln sich viele Gemeindeglieder und Zeitgenossen bereits auf den Wegen durch die Parks, auf den Sportplätzen. Es wird gejoggt, Fußball gespielt, Tennis, am Rhein entlang geradelt, auf dem Rhein gesegelt oder gerudert. Sie strengen sich an, die Menschen auch heute morgen. Es fließt wieder viel Schweiß. Manche leiden sogar und kämpfen für das ersehnte Ziel. Das Ziel heißt, Sieg über den Gegner, Sieg über die eigene Trägheit, Sieg über die Fettpölsterchen. Während wir hier drinnen sitzen wird in der ganzen Stadt gelaufen, gekickt, geschrieen, angefeuert, leiden Eltern mit ihren Sprösslingen, zeigen alte Herren, dass sie noch trickreich den Ball führen können, schmettern junge Mädchen ein Ass.

Samstag und Sonntag sind Wettkampftage. Wenn wir nicht selbst Sport treiben, so schauen wir zu, leiden und zittern mit am Fernseher oder schreien Sportlern zu, wie ich bei den Radlern gehört habe: „Quäl dich!“ Die olympischen Spiele sind bekanntlich eine Erfindung der Griechen. Den ersten Christen waren die athletischen Wettkämpfe so vertraut, dass sie diese auch als Bild für das christliche Leben gebrauchen konnten.

Und dies tut der Verfasser des so genannten Hebräerbriefes. Unser heutiger Predigttext stammt aus dem 12. Kapitel dieses neutestamentlichen Briefes. Wie ein Trainer seine müde wirkende Mannschaft, wie Kloppo die Spieler von Mainz 05, so redet der Verfassers des Hebräerbriefes müde und mutlos gewordene Christen seiner Zeit an:

 

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,

2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

3 Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

 

Lasst uns laufen mit Geduld. Denkt an Jesus.

Der Verfasser des Hebräerbriefes – man weiß nicht, wer es war, deshalb rede ich immer nur vom Verfasser, dieser also, der diesen Brief und die Worte schrieb, er will Mut zusprechen. Wie tut er das? Am Anfang heißt es: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben. Es ist fast wie ein Hinweis auf die Zuschauermenge, die die vielleicht schon etwas angeschlagene Christenschar umgibt und gleichermaßen anfeuert. Die Menschen, die zu dieser Wolke gehören, zu den Vorbildern, denen man nacheifern will, die hat er ein paar Sätze vorher aufgezählt. Bekannt waren sie für die Damaligen. Abraham nennt er, der in ein fremdes Land aufgebrochen ist, allein auf die Verheißung Gottes hin. Mose nennt er, der so viel Mut und Zähigkeit besaß, den Auftrag Gottes anzunehmen, Mittler zu sein zwischen Gott und dem auserwählten und doch so störrischen Volk, Eine Prostituierte nennt der Verfasser, die Hure Rahab aus Jericho heißt es da, die Kundschafter der Israeliten versteckte, denen andere nach dem Leben trachteten. Die Wolke der Zeugen nennt er es. Sie sollen Ansporn sein, Abraham, Mose, Rahab – damals. Wer ist es heute: Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King oder weniger berühmte Menschen, die einem glaubhaft etwas vorleben, Menschen, an die zu denken Mut macht.

Der Verfasser des Hebräerbriefes nennt aber nicht nur die, die uns anfeuern sozusagen. Er nennt auch den, der das Ziel schon erreicht hat. Den Anfänger und Vollender, wie er ihn tituliert: Den Anfänger und Vollender des Glaubens. Die Gefahr dabei ist: Dieser wohl freudig das Leiden auf sich nehmende Jesus kann auch entmutigend wirken. Wer ist schon so heroisch? Wer will schon leiden? „Quäl dich!“ Gilt dieser Ruf auch für im Glauben? Es gab eine Zeit, in der genau das auch zu den christlichen Tugenden gehört. Sich Schmerzen zuzufügen, um Jesus nahe zu kommen, um für die Sünden zu büßen. Das gibt es immer noch – nicht mehr so bei uns allerdings.  Der Verfasser des Hebräerbriefes kann Jesus auch anders schildern: als einen, der der Verzweiflung nahe war. Mutmachen hieße darauf hinzuweisen, dass Jesus durch sein Leiden uns gerade nahe kommt, dass Gott sich auf uns Menschen einlässt. Und dass Gott in Jesus uns Menschen gerade nicht im Leid, Schmerz und Tod lässt. Um mit dem Hebräerbrief zu reden: Denkt gerade an Jesus, wie Gott sich in ihm uns nahe sein will, damit ihr den Mut nicht sinken lasst.

 

Was hat ein Sport Treibender zu dem er aufsehen kann, von dem er Kraft schöpft? Der spätere Triumph, das Hochgefühl, das sich während und nach der körperlichen Leistung einstellen kann, das gute Gewissen, etwas für seine Gesundheit getan zu haben?

Etwas spornt ihn an.

Was haben wir Christenmenschen als Kraftquelle in unserem Lebens-Lauf. Ist es auch die Hoffnung auf einen Triumph? Oder sind es die kleinen Kraftquellen, z.B. die Gottesdienste, in den wir beten und singen, uns besinnen auf Jesus, in dem sich Gott gezeigt hat, wie er ist?

Aber ist das Bild überhaupt stimmig? Jesus als Stimulanz für die angeschlagene Christenschar, die Erinnerung an die Zeugen, damit wir uns noch einmal aufraffen. Das Christenleben als Marathonlauf?

Das Bild des sportlichen Wettkampfes wird bei einigen auch Widerspruch auslösen. Sie möchten einfach zur Ruhe kommen. Das Alltagsleben ist Kampf und Qual genug, im Gottesdienst suche ich Ruhe und Erbauung.

Ich will nicht noch getrieben werden. Ich brauche die Ruhe, damit ich wieder Kraft für meinen anstrengenden Alltag bekomme.

Und die Engagierten unter uns werden sagen: Wettkampf gut und schön, aber mit welchem Ziel? Was soll das für ein Wettkampf sein, in dem wir als Christen stehen? Selbsterhaltung der Kirche auf einem Markt der Religionen? Oder persönliche Erbauung, damit sichs leichter und glücklicher leben lässt? Na, dafür ist Jesus doch nicht gestorben?! Oder? So sagt der Verfasser des Hebräerbriefes auch später: So lasst uns zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Gerechtigkeit und Frieden, Bewahrung der Schöpfung – bei diesem Kampf müssen wir mitmachen und nicht das persönliche Heil und private Glück in der Religion suchen. Dann ist sie doch Opium fürs Volk. Also doch „Quäl dich!?“

Können wir zusammenkommen – die Trostsuchenden , die Erbauung suchenden, die Kämpferischen, an der Ungerechtigkeit Leidenden?

Es steckt beides in uns. Deswegen: was wir auf jeden Fall brauchen, ist die Ermutigung. Die Erschöpften und die Engagierten. Wir brauchen die „Wolke der Zeugen“, die uns Vorbild sind, uns anspornen, wir brauchen den Trost im Leiden, den Gott im leidenden Christus verheißt.

Dabei sind diese Zeugen nicht unbedingt Abraham und Mose – es kann auch sein, dass es die eigene Großmutter ist, die für einen im Glauben ein Vorbild ist.

Wir brauchen Ermutigung in unserem Leben. Wir brauchen sie und wir sollten sie uns auch geben lassen. Als Engagierte und Distanzierte, als solche, die darunter leiden, dass die Christenschar abnimmt – zumindest in unserem Land – und als solche, die schon abgeschlossen zu haben glauben mit der Religion. Wir brauchen die Ermutigung – wir brauchen das Ziel in unserem Leben, genauso wie die Menschen, die sich gerade schwitzend sportlich betätigen und sich anstrengen.

„Lasst uns laufen mit Geduld“ sagt der Verfasser des Hebräerbriefes. Und manches mal macht dieses Laufen sogar Spaß und Freude, spüren wir etwas von der Lebensfreude, die von Jesus ausgeht

„Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“

Amen

 

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