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Predigt 9.3.2008 Lutherkirche Mainz

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Hebräer 13, 12-14

 

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für heute endet mit den Worten: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Was ist das für ein Satz. Ist es der Satz eines Nomadenvolkes? Mir sagte einmal jemand, als wir über Beduinen in der Wüste redeten und ich diese als Nomaden bezeichnet: Das sind wir doch heute auch. Nomaden. Umherziehende. Für die Ältesten unter uns ist immer wieder das Thema: wie lange kann ich in meinem Haus wohnen bleiben? Schaffe ich noch alles? Oder muss ich irgendwann ins Heim. Für die Jüngeren unter uns: wie lange behalte ich meinen Arbeitsplatz in Mainz? Wie lange kann ich hier mit der Familie wohnen bleiben? Für andere auch: wie lange halte ich das noch in der Beziehung durch. Wann ziehe ich aus.

Es ist nicht immer negativ besetzt, das Verlassen des Hauses, der Wohnung. Das Umziehen. Wenn ich als junger Mensch aus dem Elternhaus ausziehe, dann hat das auch den Geschmack der Freiheit und der neuen Möglichkeiten.

Ja, wir sind in der modernen Gesellschaft Nomaden. Wer wohnt noch in seinem Elternhaus, also in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist bis ins Alter? Vielleicht manche wieder im Alter, nachdem sie lange Zeit woanders gelebt haben.

Ich bin schon oft umgezogen im Leben. Auf den Umzug selbst habe ich mich selten gefreut. Aber auf das Neue, das damit verbunden war, eigentlich fast immer. Natürlich lässt man mit jedem Umzug etwas zurück und das erfüllt mit Wehmut und Trauer.

Unter uns ist auch einer, der in den letzten Tagen umgezogen ist. Zwar nicht mit seinem Wohnort, aber in seiner Arbeitsstelle. Sie, Herr Köhler haben am Montag neu angefangen im Kindergarten. Nach Abschied im vorherigen nun das Neue. Aufregend und anregend.

Der Predigttext für heute, den ich jetzt ganz lesen will, enthält das Nebeneinander von Vorwärtsdrängen und Zögern. Aber er sagt auch: „Lasst uns aufbrechen, bleibt nicht sitzen, schaut nach vorne!“ Er begründet die Aufforderung auf eine überraschende Weise, die zunächst ziemlich fremd und unverständlich klingt. So lese ich jetzt den Abschnitt aus dem Hebräerbrief:

 

11Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. 

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Was meint der, der dies aufgeschrieben hat, mit den geheimnisvollen Sätzen? Er zieht einen großen Bogen vom Alten Testament über die Kreuzigung Jesu bis zu den Adressaten vor ungefähr 1900 Jahren, und wir können diesen Bogen bis zu uns fortsetzen.

Es beginnt mit dem Alten Testament. Im ersten Vers ist die Rede vom Jom Kippur, dem Großen Versöhnungstag, der bis heute der höchste Feiertag der Juden ist. Er wurde schon gefeiert, als das Volk noch in der Wüste war. Der Sündenbock, der ins Sprichwort eingegangen ist, den gab es ja wirklich. Das ist nicht nur eine Redensart. Es war wirklich ein Ziegenbock, über den der Priester alle Verfehlungen des Volkes bekennt „und“ heißt es im 3. Buch Mose „(der Priester) soll die Übertretungen dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereit steht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wüldnis trage; und man lasse ihn in der Wüste.“ (3. Mose 16) Ein zweiter Ziegenbock und ein junger Stier wurden geschlachtet, und dann draußen vor dem Lager verbrannt. Warum draußen? Weil es gewaltig stinkt, wenn zwei solche Tiere, „samt Fleisch, Fell und Mist“ verbrannt werden. Es stinkt – buchstäblich zum Himmel. Es muss fort aus der Mitte. Opferstätte und Galgenberg liegen außerhalb der alten Städte.

Das ist für den Verfasser des Hebräerbriefes nur ein Vorspiel: Das eigentliche, das große Opfer, vollzieht sich auf Golgatha. Der Tod Jesu ist das Opfer, das alle Opfer vollendet und alle weiteren Tier- oder gar Menschenopfer überflüssig macht.

Und dann kommt die Aufforderung „So lasst uns nun hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ Die damaligen Leserinnen und Leser verstanden sehr gut, was damit gemeint war. Denn kurz zuvor war die Rede, dass das Beachten der altestamentarischen Speisegebote keinen Nutzen bringe! Ausgerechnet das sollten sie lassen, was schon immer galt und ihnen Halt gab! Diese Gebote zu brechen, zu verlassen, das war die Grenzüberschreitung. Die Juden, die an Jesus Christus glaubten, zögerten wohl. Sie würden dadurch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Nahmen sie dadurch nicht auch Schmach auf sich?

Das Aufbrechen ist also gar nicht so angenehm, sondern ziemlich riskant. Aber der Briefschreiber möchte seinen Schwestern und Brüdern nichts Böses antun, sondern sie auf das große Kommende ausrichten. So wie das Volk in der Wüste auf dem Weg war in das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt, und wie Jesus sich freute über das Anbrechen der Gottesherrschaft und ihre Vollendung erwartete wie eine riesiges Hochzeitsfest. Wer aufbricht, der hofft.

Deswegen ist der letzte Satz unseres Predigttextes ein ganz bedeutender: Wir haben hier keine bleibende Stadt.

Unser persönlichen Lebensweg bringt immer Neues, er beinhaltet auch immer und immer wieder den Auszug, das Vergehen des Bleibenden. Abgesehen davon gibt es bei uns auch immer Altes, an dem wir Festhalten, das Gewohnte, das Vertraute, das, was schon immer galt.

Der christliche Glaube macht bewusst, dass das alles vorübergehend ist. Nicht unwichtig und unbedeutend, das ganz und gar nicht. Es gilt jedes Erlebte und jedes Erlebnis anzunehmen als die Aufgabe, als das Geschenk Gottes. Aber es gilt auch immer sich bewusst zu sein, dass etwas da ist, was uns erwartet. Im Hebräerbrief heißt es deshalb: „das Zukünftige suchen wir!“ Wir leben in der Gegenwart, aber in der Hoffnung auf etwas hin. Als die Traurigen, aber allzeit fröhlich, sagt der Apostel Paulus. „Als die Sterbenden und siehe wir leben...“ „Als die nichts haben, und doch alles haben.“

Fast könnte man sagen: Als die in der Zukunft beheimateten .

Wir brauchen keine Opfer, damit die Zukunft uns genehm, damit das Göttliche uns gewogen ist. Das Opfer ist ein für alle mal vorbei. Auch unsere Schuld und Sünde, als das, was uns absondert von Gott, ist nicht mehr da. Wir leben frei und voller Hoffnung. So sind wir als Christen immer auch eine Art Nomaden in unserem eigenen Leben. Nicht nur im Haus oder in der Wohnung. Nein, wir sind ausgerichtet auf etwas, das nicht in uns ist. Das außerhalb unserer selbst ist. Wir haben unsere Wohnung in der Zukunft, weil wir wissen, dass wir hier keine bleibende haben.

Schärft uns das nicht auch gerade den Blick für das, was jetzt ist? Den Blick für die Ungerechtigkeiten in der Welt, für den Unfrieden. Aber auch den Blick für das Gelungene und für das kurze Glück, das manchmal unbemerkt am Wegesrand steht und nur etwas Aufmerksamkeit und Dankbarkeit will und schon ist es da. Nicht bleibend – sondern vergehend wie alles, aber gerade deswegen umso mehr beachtet.

Wir sind Nomaden in unserem Leben bis wir Heimat finden.  Wie hat es der große Theologe Augustin gesagt:

 

"Unser Herz ist unruhig, Gott, bis es ruht in dir.“

 

Amen

 

 

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