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Hoffmann-Schaefer
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Predigt 9.3.2008
Lutherkirche Mainz
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
Liebe Gemeinde!
Der Predigttext für heute endet
mit den Worten: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige
suchen wir!“ Was ist das für ein Satz. Ist es der Satz eines Nomadenvolkes? Mir
sagte einmal jemand, als wir über Beduinen in der Wüste redeten und ich diese
als Nomaden bezeichnet: Das sind wir doch heute auch. Nomaden. Umherziehende.
Für die Ältesten unter uns ist immer wieder das Thema: wie lange kann ich in
meinem Haus wohnen bleiben? Schaffe ich noch alles? Oder muss ich irgendwann
ins Heim. Für die Jüngeren unter uns: wie lange behalte ich meinen Arbeitsplatz
in Mainz? Wie lange kann ich hier mit der Familie wohnen bleiben? Für andere
auch: wie lange halte ich das noch in der Beziehung durch. Wann ziehe ich aus.
Es ist nicht immer negativ
besetzt, das Verlassen des Hauses, der Wohnung. Das Umziehen. Wenn ich als
junger Mensch aus dem Elternhaus ausziehe, dann hat das auch den Geschmack der
Freiheit und der neuen Möglichkeiten.
Ja, wir sind in der modernen
Gesellschaft Nomaden. Wer wohnt noch in seinem Elternhaus, also in dem Haus, in
dem er aufgewachsen ist bis ins Alter? Vielleicht manche wieder im Alter,
nachdem sie lange Zeit woanders gelebt haben.
Ich bin schon oft umgezogen im Leben.
Auf den Umzug selbst habe ich mich selten gefreut. Aber auf das Neue, das damit
verbunden war, eigentlich fast immer. Natürlich lässt man mit jedem Umzug etwas
zurück und das erfüllt mit Wehmut und Trauer.
Unter uns ist auch einer, der in
den letzten Tagen umgezogen ist. Zwar nicht mit seinem Wohnort, aber in seiner
Arbeitsstelle. Sie, Herr Köhler haben am Montag neu angefangen im Kindergarten.
Nach Abschied im vorherigen nun das Neue. Aufregend und anregend.
Der Predigttext für heute, den
ich jetzt ganz lesen will, enthält das Nebeneinander von Vorwärtsdrängen und
Zögern. Aber er sagt auch: „Lasst uns aufbrechen, bleibt nicht sitzen, schaut
nach vorne!“ Er begründet die Aufforderung auf eine überraschende Weise, die
zunächst ziemlich fremd und unverständlich klingt. So lese ich jetzt den
Abschnitt aus dem Hebräerbrief:
11Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als
Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers
verbrannt.
12 Darum hat auch
Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor
dem Tor.
13 So lasst uns nun
zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier
keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Was meint der, der dies aufgeschrieben
hat, mit den geheimnisvollen Sätzen? Er zieht einen großen Bogen vom Alten
Testament über die Kreuzigung Jesu bis zu den Adressaten vor ungefähr 1900
Jahren, und wir können diesen Bogen bis zu uns fortsetzen.
Es beginnt mit dem Alten
Testament. Im ersten Vers ist die Rede vom Jom Kippur, dem Großen
Versöhnungstag, der bis heute der höchste Feiertag der Juden ist. Er wurde
schon gefeiert, als das Volk noch in der Wüste war. Der Sündenbock, der ins
Sprichwort eingegangen ist, den gab es ja wirklich. Das ist nicht nur eine
Redensart. Es war wirklich ein Ziegenbock, über den der Priester alle
Verfehlungen des Volkes bekennt „und“ heißt es im 3. Buch Mose „(der Priester)
soll die Übertretungen dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der
bereit steht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre
Missetat auf sich nehme und in die Wüldnis trage; und man lasse ihn in der
Wüste.“ (3. Mose 16) Ein zweiter Ziegenbock und ein junger Stier wurden
geschlachtet, und dann draußen vor dem Lager verbrannt. Warum draußen? Weil es
gewaltig stinkt, wenn zwei solche Tiere, „samt Fleisch, Fell und Mist“
verbrannt werden. Es stinkt – buchstäblich zum Himmel. Es muss fort aus der
Mitte. Opferstätte und Galgenberg liegen außerhalb der alten Städte.
Das ist für den Verfasser des
Hebräerbriefes nur ein Vorspiel: Das eigentliche, das große Opfer, vollzieht
sich auf Golgatha. Der Tod Jesu ist das Opfer, das alle Opfer vollendet und
alle weiteren Tier- oder gar Menschenopfer überflüssig macht.
Und dann kommt die Aufforderung
„So lasst uns nun hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ Die
damaligen Leserinnen und Leser verstanden sehr gut, was damit gemeint war. Denn
kurz zuvor war die Rede, dass das Beachten der altestamentarischen Speisegebote
keinen Nutzen bringe! Ausgerechnet das sollten sie lassen, was schon immer galt
und ihnen Halt gab! Diese Gebote zu brechen, zu verlassen, das war die
Grenzüberschreitung. Die Juden, die an Jesus Christus glaubten, zögerten wohl.
Sie würden dadurch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Nahmen sie dadurch
nicht auch Schmach auf sich?
Das Aufbrechen ist also gar
nicht so angenehm, sondern ziemlich riskant. Aber der Briefschreiber möchte
seinen Schwestern und Brüdern nichts Böses antun, sondern sie auf das große
Kommende ausrichten. So wie das Volk in der Wüste auf dem Weg war in das
gelobte Land, wo Milch und Honig fließt, und wie Jesus sich freute über das
Anbrechen der Gottesherrschaft und ihre Vollendung erwartete wie eine riesiges
Hochzeitsfest. Wer aufbricht, der hofft.
Deswegen ist der letzte Satz
unseres Predigttextes ein ganz bedeutender: Wir haben hier keine bleibende
Stadt.
Unser persönlichen Lebensweg
bringt immer Neues, er beinhaltet auch immer und immer wieder den Auszug, das
Vergehen des Bleibenden. Abgesehen davon gibt es bei uns auch immer Altes, an
dem wir Festhalten, das Gewohnte, das Vertraute, das, was schon immer galt.
Der christliche Glaube macht
bewusst, dass das alles vorübergehend ist. Nicht unwichtig und unbedeutend, das
ganz und gar nicht. Es gilt jedes Erlebte und jedes Erlebnis anzunehmen als die
Aufgabe, als das Geschenk Gottes. Aber es gilt auch immer sich bewusst zu sein,
dass etwas da ist, was uns erwartet. Im Hebräerbrief heißt es deshalb: „das
Zukünftige suchen wir!“ Wir leben in der Gegenwart, aber in der Hoffnung auf
etwas hin. Als die Traurigen, aber allzeit fröhlich, sagt der Apostel Paulus.
„Als die Sterbenden und siehe wir leben...“ „Als die nichts haben, und doch
alles haben.“
Fast könnte man sagen: Als die
in der Zukunft beheimateten .
Wir brauchen keine Opfer, damit
die Zukunft uns genehm, damit das Göttliche uns gewogen ist. Das Opfer ist ein
für alle mal vorbei. Auch unsere Schuld und Sünde, als das, was uns absondert
von Gott, ist nicht mehr da. Wir leben frei und voller Hoffnung. So sind wir
als Christen immer auch eine Art Nomaden in unserem eigenen Leben. Nicht nur im
Haus oder in der Wohnung. Nein, wir sind ausgerichtet auf etwas, das nicht in
uns ist. Das außerhalb unserer selbst ist. Wir haben unsere Wohnung in der
Zukunft, weil wir wissen, dass wir hier keine bleibende haben.
Schärft uns das nicht auch
gerade den Blick für das, was jetzt ist? Den Blick für die Ungerechtigkeiten in
der Welt, für den Unfrieden. Aber auch den Blick für das Gelungene und für das
kurze Glück, das manchmal unbemerkt am Wegesrand steht und nur etwas
Aufmerksamkeit und Dankbarkeit will und schon ist es da. Nicht bleibend –
sondern vergehend wie alles, aber gerade deswegen umso mehr beachtet.
Wir sind Nomaden in unserem
Leben bis wir Heimat finden. Wie hat es
der große Theologe Augustin gesagt:
"Unser
Herz ist unruhig, Gott, bis es ruht in dir.“
Amen