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Hoffmann-Schaefer
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Predigt 24.2.2008
Lutherkirche Mainz
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
Und Ahab sagte
Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem
Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel
einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun,
wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! 3 Da
fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach
Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. 4 Er aber ging hin in die Wüste
eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte
sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich
bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich
hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und
sprach zu ihm: Steh auf und iß!
6 Und er sah sich
um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit
Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und
sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand
auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und
vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
9 Und er kam dort
in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu
ihm: Was machst du hier, Elia? 10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN,
den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre
zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein
übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. 11
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und
siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge
zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht
im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im
Erdbeben.12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im
Feuer.
Und nach dem Feuer
kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia
hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in
den Eingang der Höhle.
Liebe
Gemeinde,
Laut ist
er nicht. Er ist nicht im Donner und Blitz, nicht im Getöse des brausenden
Sturmes,
nicht im
Brummen der Flugzeuge,
nicht in
meinem lauten Reden von hier vorne.
Einer
meiner Lieblingsstellen aus der Bibel. 1. Könige 19. Eine Stelle, in der Gottes
Kommen zu Elia beschrieben wird. Der Gott, der sonst in den Königsbüchern
grausam daher kommt; der Gott, der in dieser Geschichte Elia vorher die 400
Baalspriester hat töten lassen. Der Gott, der Saul die Macht gibt Tausende zu
erschlagen, und David Zehntausende. Nein, hier kommt er nicht mit Macht und
Gewalt. Hier kommt er nicht mit Trommelschlägen, nicht mit Pauken und
Trompeten. Er wird vielleicht so angekündigt. „Und siehe, der Herr wird
vorübergehen...“ So wird er dem Propheten angekündigt. Dem Propheten Elia, der
schon am Ende war. Der sich hatte vom Engel aufrichten lassen müssen, der nicht
mehr weiter wollte, der in der Wüste am liebsten geblieben wäre, eine
unbeachtete Episode in der Weltgeschichte, nein, vielleicht nicht mal das, ein
vergessener Mensch, der verloren hat im Spiel der Kräfte, im Spiel der
politischen Mächte. Ahab und Isebel, der König und seine fremdgläubige Gattin.
Sie lässt den Kult des Baalsgottes in Israel lebendig werden. Sie verstößt
gegen das 1. Gebot. Elia kämpft dagegen kämpft und wird nun erbittert verfolgt.
Wäre Elia in der Wüste geblieben: Der Vielgötterglaube hätte die Macht in
Israel übernommen. Elia, der von Gott Gesandte, der Prophet, er muss sich dagegen
stemmen und scheint verloren zu haben. Er verkriecht sich, nachdem er vierzig
Tage durch die Wüste gegangen ist. Natürlich müssen es vierzig Tage sein, wie
damals das Volk Israel vierzig Jahre, wie Moses vierzig Tage auf dem Berg war,
wie später Jesus ebenso vierzig Tage in der Wüste war. In dieser Zeit wird das
Göttliche aktiv, wird es offenbar, sichtbar für den Fastenden, den Darbenden,
der doch gespeist wird von der Kraft Gottes, von einem Engel, der ihn in der
Wüste mit allem nötigen versorgt.
Und
jetzt verkriecht sich Elia am Berg Horeb in der Höhle. In einen Schutzraum
zieht er sich zurück. Geschlagen, aber nicht ohne Gottes Beistand. Sich
zurückzuziehen, sich auszusondern vom Leben, von den Menschen. Elia wurde zum
Vorbild für viele Gläubige spätere Jahrhunderte, vor allem auch unter uns
Christen. Für diejenigen, die die Gotteserfahrung nicht im Getöse, nicht in der
Geschäftigkeit, nicht im Hass und in der Gewalttätigkeit, nicht in der
Machtbesessenheit der Menschen machen konnten.
Ja, ist
es so? Dass Gott nicht im Lauten sich zeigt, nicht im ekstatischen Gestampfe,
wie manche Religionen sich in Trance tanzen und trommeln und damit in Kontakt
mit dem Übernatürlichen kommen wollen.
Profan
ist das Bedürfnis nach Lautem, Überwätligendem, nach Rhythmus und Ekstase
geworden, ein urmenschliches Bedürfnis, das heute nichts mehr mit Religion zu
tun hat, auch nicht mehr den Regeln der Schamanen unterliegt, sondern einfach
ein Spass ist, mit dem sich mancher die Hörfähigkeit ruiniert. Der
Ausnahmezustand der 40 Tage in der Wüste und der Höhle im Berg Horeb, den Elia
hatte, den versuchen manche Menschen immer noch zu erreichen. Ein erhöhte
Sensibilität, eine veränderte Wahrnehmung. Manche mit Drogen. Aber das alles
hat heute oft nichts mehr mit Religion zu tun. Bei Elia gab es keine Trennung
zwischen dem profanen Leben und der Religion. Seine Sinne waren zum Zerreissen
angespannt. Er befand sich im Zustand absoluter Aufmerksamkeit, weil sonst
nichts da war. Nur Wüste, Stille. Gottes Kommen war angekündigt. Und dann
bricht das Getöse los. Ein Sturm, Erdbeben, Feuer. Elia muss doch halb betäubt
gewesen sein. Auf jeden Fall in äußerster Erregung und hoher Anspannung aller
Sinnesorgane. Bereit alles aufzunehmen, was kommt sollte. Aber es kommt kaum
noch was.
Es kommt
etwas, was eigentlich leicht zu überhören ist. Luther übersetzt es mit:
Ein
stilles, sanftes Sausen.
Es muss
nach dem Getöse gleichzeitig wie eine Befreiung gewirkt haben. Und ER war da.
DER, auf den Elia gewartet hatte. All das vorher war wohl nötig, damit er Gott
wahrnehmen konnte. Er hört Gott.
Der
große jüdische Theologe Martin Buber übersetzt diese Stelle noch
beeindruckender und ich will Ihnen seine Übersetzung nicht vorenthalten.
„Da
vorüberfahrend ER:
ein
Sturmbraus, groß und heftig, Berge spellend,
Felse
malmend, her vor seinem Antlitz:
Er im
Sturme nicht –
und nach
dem Sturm ein Beben:
Er im
Beben nicht –
und nach
dem Beben ein Feuer:
Er im
Feuer nicht -, aber nach dem Feuer,“
und jetzt kommt die so ganz andere
Übersetzung Martin Bubers, aber meiner Meinung nach dem hebräischen Urtext
gemäß die treffendere, sie lautet:
„...nach
dem Feuer - eine Stimme verschwebenden Schweigens.“
In
dieser Übersetzung wird das Unausprechliche ausgesprochen, eine Stimme, die
schweigt, wie ein Hauch verschwebend. Kaum zu hören kommt Gott zu Elia. Nicht
wie Luther übersetzt im sanften Sausen, Nein, fast könnte man meinen er ist
„Nichts“. Dieses Schweigen – es ist überhörbar und doch unüberhörbar. Es ist
nicht zu hören im Lärm der Umtriebigkeit, im lauten Hall unserer menschlichen
Zerstreuung. Gottes Stimme, eine Stimme „verschwebendes Schweigen“. Dem
flüchtig Hörenden unhörbar und dem oberflächlich Ausschau haltenden unsichtbar.
Da kommt
Elia aus der Höhle:
„Er trat
hinaus.“ heißt es.
Ja,
Gottes schwebendes Schweigen lockt herauszukommen aus dem Vergrabensein in sich
selbst. Vielleicht bietet auch Gott bei uns manchesmal solche betäubenden
katastrophenähnlichen Ereignisse auf. Stürme des Lebens, Erdbeben in unserem
Inneren, durch Ereignisse von außen ausgelöst, Feuer des Schmerzes in uns. Ja,
und gerade Menschen im Erleben der Grenzsituationen des Lebens sind die
Aufmerksamen, die die Stimme schwebenden Schweigens vernehmen. Die dann in der
Stille Gottes Zuspruch vernehmen, aufzustehen, aus der Höhle zu treten und sich
wieder ins Leben aufzumachen. „Geh wieder deines Weges“ sagt die Stimme Gottes
zu Elia, als er aus der Höhle getreten ist. So spricht auch Gott zu uns. Kaum
vernehmbar, in der Stille. Und immer wenn es uns geschlagen hat, das Leben,
wenn es uns beutelt und schüttelt, kommt er und sagt: „Geh wieder deines
Weges.“ Es ist schwer zu hören. Weil unsere innere Ohren betäubt sind, von dem,
was immer, überall und laut auf uns
hereinprasselt. „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ sagt Jesus immer wieder. Ja
darauf kommt es an im Glauben. Still zu werden. Wach zu sein. Zu hören. Sich
Ohren zu behalten dafür. Für den Klang dieser anderen Welt, an die wir glauben.
Den Klang dessen, der uns Sinn und Halt, Richtung und Wegweisung gibt im Leben.
Den Klang auch dessen, was uns auf eine andere Welt verweist. Wie Dietrich
Bonhoeffer im Gefängnis nach Bombenerschütterten Nächten schreibt: „Wenn sich
die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der
Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“
Aber auch dieser Lobgesang kommt nicht mächtig und laut daher, sondern
gleichsam wie eine
„Stimme
schwebenden Schweigens.“
Amen