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Hoffmann-Schaefer
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Predigt 17.2.2008
Lutherkirche Mainz
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
8 Durch den Glauben
wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er
erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den
Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem
fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben
Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren
Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Liebe Gemeinde!
Abraham: der Stammvater des
Glaubens. Abraham: der Stammvater der drei großen Religion, die an einen Gott
glauben. Der Juden, der Christen und der Muslime. Alle drei erkennen ihn an.
Alle drei erzählen die Geschichte von ihm, wie er auszog und nur auf Vertrauen
hin Neues wagte. Deswegen werden die drei Religionen auch die abrahamitischen
Religionen genannt.
Abraham, oder Ibrahim, wie die
Muslime sagen, hat die Hälfte der Erdbevölkerung als Stammvater der Religion.
Eigentlich eine starke Figur. Aber doch als Möglichkeit der Einigung, der
Besinnung auf Gemeinsamkeiten nicht so bindend, dass wir nicht immer wieder im
Laufe der Jahrhunderte uns Furchtbares angetan hätten. Ist es wie bei Kindern
eines Vaters, die über das Erbe streiten, so kann das manchmal erbitterter
sein, härter als bei Fremden. Man hat viel gemeinsam, man hat sich in der
Familie viel angetan. Und das haben wir weiß Gott. Schlimmeres können sich
Menschen gar nicht antun, als das, was wir Angehörige der drei großen
Religionen uns angetan haben. Deshalb lehnen viel Menschen in unserem Land
Religion überhaupt ab. Als die Wurzel allen Übels. Ich glaube man kann die
Religion dafür nicht haftbar machen. Es ist die Eigenart des Menschen, die auch
in den Religionen zum Ausdruck kommt, sich zu streiten, sich Grausiges anzutun.
Und immer wieder gab es Versuche die Verschiedenheit auch als Chance und Bereicherung zu verstehen. In der Aufklärung
z.B. Gotthold Ephraim Lessings Stück Nathan der Weise mit seiner Ringparabel,
bei der keiner, der drei Religionen weiß, wer den echten Ring hat, ist noch
immer nicht genug Lehrstück.
Aber es war auch immer das Gebot
der Liebe, das in allen drei Religionen gilt, das die Menschen auch im
Miteinander der Religionen mäßigte und zueinander führte.
Das Unglück von Ludwigshafen,
bei dem muslimische Frauen und Kinder umkamen, dessen Ursache immer noch nicht
aufgeklärt ist, zeigt, wie sensibel wir alle sein müssen, wenn es um den Umgang
gerade mit Fremden, mit Andersgläubigen geht. Es hat gar keinen Sinn, wenn wir
meinen, eine Assimilierung, eine Integration würde einfach so gelingen, weil
wir ja die aufgeklärtere, zivilisiertere Gesellschaft zu sein scheinen, zu der
hin die scheinbar weniger entwickelten Moslems streben. Dass die Kehrseite
unserer Gesellschaft, die häufige moralisch Verkommenheit und die ethische
Haltlosigkeit für die religiösen Menschen anderen Glaubens eine Anfechtung und
zumindest moralisch kein lang gesuchtes Paradies ist, das muss uns bewusst
werden. Integration heißt so, dass wir gewahr werden, dass eine Minderheit
unter uns lebt, die einen anderen Glauben hat. Und Integration kann natürlich
auch nur heißen, dass diese Minderheit ihren Glauben leben und praktizieren
darf, so lange er nicht gegen die Gesetze unseres Staates verstößt, nicht gegen
das Grundgesetz und nicht gegen die Menschenrechte. Von beiden Seiten geschürte
Ängste und Ressentiments helfen da gar nicht weiter.
Wie soll das Miteinander der
Religionen aber aussehen? Der Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland hat
da den Gemeinden eine Handreichung gegeben mit dem Titel „Klarheit und gute
Nachbarschaft“. Ich will diese Handreichung jetzt nicht ausführlich in der
Predigt darstellen, das würde den Rahmen sprengen. Die Handreichung geht auf
Einzelheiten, wie Kopftuchstreit, Moscheebau, aber auch Dschihad (also Heiliger
Krieg) und Scharia (also das islamische Recht ein). Es wird auf jeden Fall
darin die Notwendigkeit des Dialoges gesehen, aber auch gefordert, die
Wahrheitsfrage nicht auszuklammern. Das heißt, eine zentrale Frage ist, wie der
Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens vertreten, aber gleichzeitig dem
Gegenüber sein Anspruch auf Wahrheit auch zugestanden wird.
Ich habe es nicht in der
Handreichung gefunden, aber könnte da nicht Abraham eine wichtige und eben
verbinde Rolle spielen. „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen.“ heißt
es von Abraham im Hebräerbrief. Welch eine ungewöhnliche Sicht dieses Menschen
Abraham. Er hat sich aufgemacht auf die Verheißung Gottes hin, blind vertraut
sozusagen. Und er wurde in seiner Heimat dadurch ein Fremder, aber auch in das
Land, das er kam. Ist dies das Verbindende unseres Glaubens? Dass wir doch
Fremde durch den Glauben werden. Nicht eins mit allem, was das irdische Leben
des Menschen ausmacht, sondern immer auch dessen Infragestellung.
Der langsam in Vergessenheit
geratene Schriftsteller Heinrich Böll, sagte das so: „Der Mensch ist ein
Gottesbeweis. Ich meine die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch
wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind,
nicht ganz zu Hause. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders
herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht – jedenfalls
zeitweise, stundenweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise – klar
darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört.“ Zitat Ende.
Früher war dies Fremdheit des
christlichen Menschen ausgeprägt in der christlichen Lehre von der Erbsünde. In
ihr hat der Mensch sich in eine Verfehlung hineinbegeben. Im jüdischen Glauben
ist dies ausgedrückt durch die Verfehlung von Adam und Eva. Im islamischen
Glauben kenne ich mich zu wenig aus, um dort dieser Art Fremdheit zu kennen.
Aber der Glaube, dessen Stammvater Abraham dann ist, führte den Menschen wieder
zu Gott, aber damit zur Fremdheit mit den Menschen, die noch in ihrer Sünde,
als Absonderung von Gott verharrten.
Und ist es nicht genau das in der
modernen Welt? Das Erleben der Fremdheit, wenn man an die Liebe Gottes glaubt?
Unrealistische Träumerei, Spinnerei, von der Naturwissenschaft widerlegt, Opium
fürs Volk. Gott rückt immer weiter weg, für ihn ist immer weniger Platz in der
säkularisierten Gesellschaft. Die Naturwissenschaft rückt Gott allenfalls noch
an den Anfang allen Seins. Was war vor dem Urknall? Oder wie ich jüngst las,
gibt es ja Wissenschaftler, die die These aufstellen, dass es viele Universen
gäbe, als unser Universum nicht ein Unikum, sondern in uns unvorstellbaren
Dimension dauernd irgendwo ein Urknall ein neues Universum begründet. Hier ist
scheinbar kein Platz mehr für Gott. Wir aufgeklärten Christen können diesen
Gedanken ertragen. Für Muslime ist dies wahrscheinlich unerträglicher. Sie sind
noch fremder in unserer naturwissenschaftlich geprägten Welt. Aber auch von den
Muslimen verlieren vielen ihren Glauben – der Anteil praktizierender Muslime in
unserem Land ist prozentualer auch nicht viel höher als der praktizierender Christen.
Sollten wir deshalb nicht viel
mehr uns sehen als diejenigen, die durch den Glauben eine Fremdheit in der Welt
annehmen?
Als Christen glauben wir – das
sollten wir in einem wie immer gearteten Dialog nicht verschweigen - , dass
Gott in Jesus Christus die Menschen erlöst hat. Er sie erlöst von der
Entfremdung zumindest von Gott, wenn nicht auch von sich selbst. In Christus
hat für uns Christen der abrahamitische Glauben seine Vollendung gefunden, ist
das Ziel des Glaubens offenbar geworden: Gott nimmt sich unser an. Er weckt in
uns die Sehnsucht nach dem, was über uns materiell sichtbares Leben hinaus
geht. Nicht das Paradies mit den 77 Jungfrauen, nicht die gewaltsame
Auseinandersetzung hier ist dann die Erwartung, sondern die Erfüllung der
göttlichen Liebe und Barmherzigkeit.
Du sollst Gott lieben und deinen
Nächsten wie dich selbst. Und die Nächsten, das können auch die Nahen in der
Glaubensfamilie sein, in unserer Familie, die von Abraham abstammt, so sehr
einem auch manchmal gerade Schwestern oder Brüder aufregen können.
Amen