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der Luthergemeinde
Predigt 10.2.2008
Lutherkirche Mainz
von Pfarrerin
Mechthild Böhm
zur
Fastenaktion: „Verschwendung! 7 Wochen ohne Geiz“
Liebe Gemeinde,
Verschwendung. Das diesjährige
Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche irritiert erst einmal. Dass die
evangelische Kirche zum Verschwenden aufruft, ist schon verwirrend. Ist nicht gerade
die bedenkliche Verschwendung von Energie und Bodenschätzen unser Problem?!
Doch allen dürfte schnell klar
sein, dass es sich bei diesem Appell nicht um das gedankenlose Vergeuden von
ökologischen und wirtschaftlichen Ressourcen handelt.
Verschwendung. Das Wort hat für
uns trotzdem meist einen negativen Klang. Wir denken an sinnlose Geld-Ausgaben,
wo wir das Schnäppchen verpasst haben. Oder an den gigantisch angestiegenen
Energieverbrauch, zu dem jeder Hauhalt noch beiträgt. Oder an die unzähligen
Möglichkeiten Zeit einzusparen, die wir dann aber gar nicht sinnvoll für uns
nutzen können. Uns suggeriert das Wort Verschwendung meist negativ, dass etwas
nicht sparsam und sinnvoll verwendet wird, sondern sinnlos und überflüssig
vergeudet wird.
Zeit verschwenden im Wartezimmer
beim Arzt oder in der Schlange vor der Supermarktkasse, Geld verschwenden statt
den Geiz-ist-geil-Angeboten zu folgen: Verschwen-dung kommt bei uns nicht gut
an. Zeit muss effizient genutzt werden, und der Terminkalender ist eng
getaktet. Mit Geld gehen wir eher
selten großzügig um, gegenüber anderen und auch gegenüber uns selbst.
Vielleicht hat das auch etwas mit unserer gut evangelischen Sparsamkeit zu tun,
die manchmal in Geiz ausarten kann.
Wir wollen heute einmal
versuchen, Verschwendung ganz neu zu denken. Dafür finden sich – und das wird
viele überraschen - in der Bibel viele Beispiele.
Jesus war ein Mensch, der
verschwenderisch gelebt hat. Vielleicht werden Sie jetzt denken: so habe ich
das noch nie gesehen. Verschwenderisch in einem ganz positiven Sinne, der uns
fremd und neu ist.
Ich will heute zwei oder drei
Begebenheiten mit Jesus nacherzählen und dabei neu entdecken. Geschichten von
Verschwendung in ganz positivem Sinne, die uns einladen, selbst zu erfahren,
wie schön Verschwendung sein kann: wie sehr sie Menschen verbindet und
Begegnungen erfüllt.
Anfangen will ich mit der
Geschichte, die das Johannesevangelium als erstes öffentliches Auftreten von
Jesus erzählt. Gleich als er zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung tritt –
bei der Hochzeit in Kana – tut Jesus ein derart verschwenderisches Zeichen,
dass alle sich sehr verwundern. Als auf dieser Hochzeit, bei der er Gast ist,
mitten während der Feier der Wein ausgeht, verwandelt Jesus Wasser, das in
riesigen Tonkrügen bereitsteht, in Wein, sehr viel und sehr guten Wein. Das
erste Zeichen: einem Bräutigam helfen, dem bei seiner üppigen Hochzeitsfeier
der Wein ausgeht? Natürlich kennen wir Jesus als den Helfer der Schwachen und
Notleidenden. Aber hier ist keine Not. Hier fehlt es „nur“, möchten wir sagen,
an Wein, an Alkohol. Hat dieser Bräutigam schlecht geplant oder war er zu
geizig? Das ist peinlich, doch ist das eine Not, um die Jesus sich kümmern
müsste?! Jesus verwandelt Wasser in ausgezeichneten Wein und macht so aus dem
schlechten einen perfekten Gastgeber. Jesus sorgt verschwenderisch für Nachschub
an Wein, damit das Hochzeitsfest nicht vorzeitig und nicht mit einer
Missstimmung zu Ende geht. Damit die Menschen fröhlich und heiter die Liebe und
das Leben feiern können.
Wenn Jesus von Gottes
Himmelreich wie von einem verschwenderischen Gastmahl spricht, dann dürfen die
Menschen in seiner Gegenwart schon hier bei dieser Hochzeit eine Ahnung davon
erfahren, wie es sein wird.
Jesus hat dem Bräutigam geholfen
ein verschwenderisch großzügiger Gastgeber zu sein.
Was sind wir für Gastgeber im
privaten Bereich? Welche Freude macht es doch, miteinander zu genießen!
Was sind wir für Gastgeber? Für
die Menschen, die hier in Deutschland ein neue Heimat finden möchten. Sagen
wir: „Das ist unser Land und ihr seid fremd!“ Oder können wir lernen,
miteinander hier zu leben in einem reichen Land?
Gegen die Abwehrhaltung, sparsam
zu sein, nicht zu teilen, das Wunder: Jesus kann unseren Widerstand überwinden.
Er bereitet sich in unseren Herzen und an unserem Tisch selbst einen Platz,
indem er mitbringt, was unserer Not abhilft. Er schenkt uns den Glauben, dass
er hilft. Er stärkt in uns die Bereitschaft, andere an der Freude und am
Überfluss teilhaben zu lassen. Er gibt das Vertrauen, dass wir dank seiner
Gegenwart immer genug haben. Jesus macht, dass das, was wir haben, reicht.
Nicht nur für uns, sondern auch für andere. Er lässt Quellen sprudeln, wo wir
den Mangel verwalten. Viel mehr Wein war auf der Hochzeit in Kana plötzlich da,
viel mehr als noch getrunken werden würde. Niemand sollte sich nicht willkommen
fühlen, niemand sollte meinen, es sei besser, nicht mehr dabei zu sein und das
Fest zu verlassen.
Um diese Art von Großzügigkeit
und Verschwendung geht es. Einladende, gastfreundliche und offene Verschwendung.
Sollten doch ruhig lieber noch ein paar Menschen mehr kommen, als dass sich
jemand deplaziert fühlen müsste. Eine Vorahnung vom Gastmahl im Reich Gottes.
Jesus hat auch Gleichnisse von
Verschwendung erzählt.
Zum Beispiel das Gleichnis vom
Barmherzigen Samariter. Verschwenderisch war er, nicht aus seinem Besitz,
sondern mit seiner Zeit. Der Mann aus Samaria war auf Reisen. Das war in
biblischer Zeit sicher nicht so stressig wie heute. Er musste keinen bestimmten
ICE-Anschluß bekommen oder den Start seines Flugzeugs nicht versäumen. Aber
dennoch war auch er bestimmt verbindlich unterwegs, zumal für ihn im
Ausland, und nicht nur auf einem
Spaziergang. Auf seinem Weg trifft er auf das Opfer eines Überfalls. Da liegt
ein verletzter Mensch, der sich selbst nicht mehr helfen kann. Das einfachste
wäre gewesen, weiterzugehen, so zu tun, als hätte er nichts bemerkt, ja keine
Zeit verschwen-den. Es hätte genug Gründe gegeben, nicht zu helfen, nicht
zuletzt die heute leider sehr aktuelle Angst, dann noch selbst zum Opfer zu
werden.
Aber für den Reisenden aus Samaria
beginnt hier die Verschwendung: Er lässt sich in seiner Seele berühren von
diesem Bild des Grauens, er nimmt das Leid des anderen zur Kenntnis, er kann
den Geschundenen nicht mit guten Gewissen so liegen lassen. Er hat kein Handy,
mit dem er den Rettungswagen rufen kann, kein Notarzt steht rasch zur
Verfügung. Hier muss direkt Hilfe geleistet werden. Der Samariter nimmt sich
Zeit für den Verletzten und behandelt die Wunden des Opfers mit den Mitteln,
die ihm nun mal gerade zur Verfügung stehen. Das erscheint ihm aber noch nicht
genug. Er hebt ihn auf sein Tier und bringt ihn in eine Herberge und pflegt
ihn. Er selbst. Er sitzt die Nacht über am Krankenbett, reicht Nahrung und
Trinken und wacht bei dem Verletzten. Machen wir uns das klar, was das bedeutet:
an einem Krankenbett die ganze Nacht zu wachen und zu helfen. All das ist nicht
in der heute üblichen Zeitbemessung in der Alten und Krankenpflege zu schaffen,
das braucht viele Stunden des Wachseins und der Aufmerksamkeit und des
Zupackens. Der Samariter, von dem Jesus erzählt, macht es vor: er verschwendet
seine Zeit für jemand anderen. Es ist das einzige, was ihm in dieser bedrängten
Situation im Überfluss zur Verfügung steht. Und er geizt nicht damit, er
schenkt sie großzügig seinem Nächsten.
Was für ein Segen ist es, Zeit
für andere verschwenden zu können! Ist Ihnen auch schon einmal in einer
schweren Lebenslage so ein Samariter begegnet, der seiner Zeit für Sie
verschwendet hat?
7 Wochen Verschwendung, Das ist
auch Neuland für uns. Ich wünsche uns, dass wir in den kommenden Wochen die
Freude an der Verschwendung entdecken.
Freude an der Verschwendung in
Gastfreundschaft und Offenheit, die uns zeigt: es ist genug für alle da. Freude
an der Verschwendung in der Erfahrung, großzügiger zu sein, auch da, wo es
darum geht, über die Fehler von anderen hinwegzusehen. Freude an der
Zeit-Verschwendung, wo wir für andere aufmerksam und hilfreich sein können.
Freude an der Verschwendung in
einem Gespräch, in dem wir die Zeit vergessen.
Oder einfach Freude an der Verschwendung wie das Mädchen auf dem Plakat zur Fastenaktion: es sind mindestens hundert bunte Luftballons, mit denen sie begeistert durch den Wind tanzt. Drei oder vier hätten es doch auch getan. Aber diese Verschwendung macht einfach Freude, dankbare, ansteckende Freude: Es ist genug da!