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Hoffmann-Schaefer
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Predigt 3.2.2008 Lutherkirche
Mainz
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
Rufe getrost, halte
nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk
seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich
und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit
schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von
mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe. 3 »Warum fasten wir, und du siehst
es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst's nicht wissen?« -
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und
bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und
schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt
tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten
sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein
Mensch seinen Kopf hängen läßt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet?
Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen
hat? 6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit
Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei,
die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die
im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so
kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein
Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell
voranschreiten, und [a] deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die
Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen, und
der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin
ich.
Liebe Mitchristen,
Die fünfte Jahreszeit. Jetzt
ziehen sie wieder umher, die Narren und Närrinnen. Aber in Mainz könnte man
auch sagen: „Bei de Fassenacht hört de Spass uff.“ Eine ernsthafte
Angelegenheit ist es, Spaß zu haben und zu feiern. Dass die Hofsänger ihren
traditionellen Auftritt bei der Fernsehsitzung abgesagt haben, weil sie nicht
ihr vorbereitetes Programm bringen konnten, und wie viele sich hier darüber
aufgeregt haben, zeigt, wie ernsthaft es gehandhabt wird.
Mit solch einer Ernsthaftigkeit
und Hingabe wird Fassenacht gefeiert, dass es den Narrhallesen z.B. nichts
ausmacht am Neujahrsmorgen früh aufzustehen, dass es in Kauf genommen wird
morgen beim Rosenmontagszug vielleicht in Kälte und Regen zu stehen.
Aber Hingabe und Ernsthaftigkeit
ist vielleicht auch das Stichwort unseres heutigen Predigttextes, der schon
einen Blick wirft über die närrischen Tage hinaus, auf das, was kommt. Nach
Fastnacht kommt die Fastenzeit. Dem „Aus-dem-Häuschen sein“ folgt der Hausputz.
Kehr-zeit, Innere Ein-kehr-zeit. Dem lärmenden Festtrubel folgt die stille
Zeit. Das eine geht nicht ohne das andere – gut. Und das eine wie das andere
geht nicht ohne Ernsthaftigkeit und Hingabe gut.
Eine Mahnrede hält der Prophet.
Anlass ist ein öffentliches Fasten. Anlass ist ein öffentliches Fasten in
Israel. Und was Jesaja beschreibt, wirkt wie ein dunkler Kontrast zu allem
farbenfrohen Treiben der Fastnacht. Jesaja sieht die Menschen aus allen Richtungen
zusammenströmen. Pilger und Pilgerinnen. Sie kommen, aber erfüllen
offensichtlich nur eine fromme Pflicht. Ohne Herz. Sie werfen die Arme zum
Gebet zum Himmel, aber wenn sie zufällig einem ihrer Schuldner begegnen, also
dem, der ihnen noch etwas schuldet, ob zu Recht oder zu Unrecht, ballen sie die
Faust. Die religiösen Rituale bleiben leer und folgenlos. Dabei gilt es in
Israel und überall: Wo Gott Raum in einem Menschen nimmt, wo wir feiern oder
fasten, soll es mit Herzenskraft geschehen; dann wirft man sich Gott ganz in
die Arme, dann vergisst man sich selbst und öffnet sich ganz dem Leben, dann
sieht man von sich weg und wird des Anderen neben sich gewahr.
Zur Reformationszeit verurteilten die Protestanten ebenso
das Fasten der bis dahin allgemeinen - auf griechisch „katholischen“ - Kirche.
In Zürich begann die Reformation mit einem öffentlichen Wurstessen mitten in
der Fastenzeit. Ein klarer Gesetzesbruch. Aber genau mit der Zielrichtung: Das
inhaltslose Fasten, eben weil es alle machen und so Gesetz ist, oder das
Fasten, mit dem man meint, Gott wohlgefällig stimmen zu können – das kann nicht
der Ausdruck des christlichen Glaubens sein. Schon Paulus hatte sich gegen
bestimmte Speisevorschriften gewandt. Mit dem Wegfall der Fastenzeit, war auch
die Fastnacht in evangelischen Gegenden überflüssig. Die Protestanten sagten:
Das ganze Leben soll ein gottgefälliges sein. Luther sprach vom Gottesdienst im
Alltag, jeder soll an seinem Platz seine Arbeit zum Wohl des Nächsten tun – das
ist für Luther ein größerer Gottesdienst als jede Winkelmesse oder jedes
Fasten.
Damit kam ein Strenge in das protestantische Leben, die
in manchen Gegenden bis heute wirkt. In katholischen Gegenden blieb das Fasten,
damit auch die Fastnacht - eben noch mal vor dem Fasten kräftig über die
Stränge schlagen.
Inzwischen leben wir in einer Überflussgesellschaft,
sogar in der so genannten Spaßgesellschaft.
So entdecken auch Protestanten in unserer
Überflussgesellschaft das Fasten wieder, das Verzichten. Es heißt dann „7
Wochen ohne“. In diesem Jahr heißt das interessante Motto „7 Wochen ohne
Geiz“. Frau Pfarrerin Böhm wird nächste
Woche dazu im Gottesdienst einführen. Diese „7 Wochen ohne“ geschehen aber
gerade aus der Motivation heraus, die der Prophet Jesaja in seiner damaligen
Kritik einfordert. Nicht weil man meint, damit Gott wohlgefällig zu sein.
Heutzutage verzichtet man in diesen 7 Wochen der Passionszeit, um sich bewusst
zu werden, dass alles was wir haben, nicht selbstverständlich ist. Dass andere
Menschen in anderen Gegenden der Erde nicht so gesegnet sind mit dem
Alltäglichen. Es wird einem auch manches Überflüssige bewusst und damit auch
entbehrlich. Bei Jesaja war dies das Fasten, das nur an das eigene Seelenheil
denkt und den anderen nicht in den Blick nimmt. Das ist überflüssig. Das
braucht es nicht. Dieserart Fasten haben inzwischen alle Kirchen abgeschafft.
Natürlich gibt es ein Fasten, weil man sich zu dick fühlt. Das Fasten einfach
aus dem eigenen Bedürfnis heraus. Das ist aber eher Diät. Na gut, ist manchmal
nicht verkehrt. Aber vielleicht auch nur manchmal nicht. Es hat die hässliche
Kehrseite der Esstörungen und Magersüchtigen. Den jugendlichen, schlanken,
nein, dünnen Körper zum Maßstab besonders für junge Mädchen zu machen, führt
viele ins Unglück.
Das Fasten um seinem eigenen Körper gut zu tun, ist
nichts Schlechtes, im Gegenteil, aber es ist auch sehr einseitig. Das nur an
sich denken und das eigene Wohlfühlen, die eigene Wellnes – ich glaube dazu
hätte auch Jesaja ein kräftiges Wort gehabt. Das ist aber ein Fasten, an dem
ich Wohlgefallen habe, sagt Jesaja und zählt auf, was Gott als wohlgefällig
ansieht. Man könnte vielleicht auch sagen: Das ist eine Wellnes, an der ich
Wohlgefallen habe: „Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf
die du das Joch gelegt hast. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend
ohne Obdach sind, führe ins Haus.“ In unserem Land kann das auch im
übertragenen Sinne gelten.
Die 7
Wochen ohne, alle religiöse Wellness für die Seele muss zurückfinden zurück zur
Quelle allen Lebens. Solch geartetes Fasten, oder besser gesagt Verzichten,
gibt dem Leben eine soziale Ausrichtung mit dem Ziel, soziale Missstände im
Kleinen und Großen auszuräumen. Und vielleicht ist es eben genau wie das Motto
der diesjährigen Aktion „7 Wochen ohne“, eben 7 Wochen ohne Geiz, sondern mit
Verschwendung und Hingabe.
Jesus
lebt uns Hingabe für Gott und den Nächsten vor … liebevoll nennt er Gott
»Abba«, mein lieber Vater. Kein Mensch soll in Sack und Asche gehen, sondern
aufrecht und aufrichtig leben vor Gott und dem Nächsten, dann verrücken sich
Lebensperspektiven wie von selbst.
Im
Mittelalter gehörte es zur närrischen Zeit, auch die sozialen und gesellschaftlichen
Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf zu stellen … so wurde für kurze Zeit der
Sklave ein Freier und der Arme gewandete sich in Kleidern der Mächtigen. Dieses
ausgelassene Feiern gab ihnen den Geschmack der Freiheit, war so etwas wie ein
Erproben einer gewaltfreien Revolution, wenn auch nicht nachhaltig in der
Wirkung, so konnte es doch durchaus den Horizont öffnen und durchlässig machen
für ein christusförmiges Leben.
„Bei de
Fassenacht hört der Spass uff“..
Ernsthaftigkeit
und Hingabe das gehört zur Fassenacht, aber es gehört genauso zum Leben. Die
Hingabe hat für uns Christenmenschen eine Richtung.
Sie
richtet sich an dem aus, den viele für einen Narren hielten, weil er
Unmögliches in den Bereich des Möglichen rückte. Die Ernsthaftigkeit und
Hingabe muss keine Selbstkasteiung sein – im Gegenteil sie kann befreien vom
Überflüssigen, das wir in unserem Leben als Ballast mitschleppen. Die
Hinwendung zu Christus lenkt uns den Blick auf das Wesentliche.
Auf den
Nächsten, auf uns selbst und auf Gott.
Wie sagt
Jesus auf die Frage nach dem höchsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. dies ist das
höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze
Gesetz und die Propheten.
Amen