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Predigt 20.1.2008 Lutherkirche Mainz

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Röm 9, 14-24

Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.  17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. 19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? 22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns,  die zum Verderben bestimmt waren, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. 24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

 

Liebe Gemeinde,

Paulus macht es uns nicht leicht. Martin Luther sagt zu dieser Passage des Römerbriefes: „Dies ist ein sehr schwerer Wein und anspruchsvolle Kost, die feste Speise für die Vollkommenen. Ich aber bin ein kleines Kind, das der Milch bedarf und nicht der festen Speise.“ Wenn sogar ein solcher Theologe wie Martin Luther seine Schwierigkeit mit dem Text so ausdrückt, umso schwerer war der Wein für mich bei der Vorbereitung der Predigt und umso größer ist die Schwierigkeit die feste Speise so zuzubereiten, dass man sie noch schlucken kann, auch wenn wir hier doch kleine Kinder sind, die eigentlich feste Speise noch nicht runterkriegen. Da können wir allenfalls ein wenig dran nagen.

Am wichtigsten Satz möchte ich mit dem Nagen beginnen: „Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Paulus sagt: Gottes Erbarmen bestimmt den Lauf der Welt, nicht das Wollen oder Laufen von irgendjemand sonst. Aus Gottes Erbarmen leben wir alle. Sein Erbarmen ist es, das uns Menschen Halt gibt und trägt. So sollte jedenfalls der Glaube sein.

Für Paulus war es nicht so einfach. Er stellte sich die Frage des göttlichen Handelns im Zusammenhang mit einem Thema, das für ihn zentral war, und das den Zusammenhang unseres Predigttextes ausmacht: Ich, Paulus, Angehöriger des jüdischen Volkes, habe Jesus Christus kennen gelernt und angenommen. Aber viele andere Angehörige meines Volkes nicht. Israel, das von Gott erwählte Volk – was ist mit ihm? Für Paulus eine ganz zentrale Frage.

Für uns heute die Frage, die nach dem Holocaust des letzten Jahrhunderts, begangen von unserem Volk an dem Volk Israel, in einem völlig anderem Licht zu sehen ist als in den Jahrhunderten vorher.

Aber es liegt für mich in der Frage des Paulus nach Gottes Handeln mit seinem Volk auch und ganz zentral die Fragestellung uns Menschen: Wie kann die Botschaft von der Gnade Gottes, von seinem Erbarmen heute noch gelten? Hält Gott überhaupt an seinem Erbarmen gegenüber uns Menschen heute fest? Hat er nicht die Welt schon vergessen und sie dem Chaos überlassen? Dem Spiel der Naturgesetze und Kräfte? Am Anfang des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt die Frage: woher nehme ich – Mensch – die Sicherheit, dass Gottes Erwählung nicht längst woanders seinen Platz gefunden hat?

Auch wenn Paulus sagt: „es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen...“, verhalte ich, Mensch, mich aber fast so, als gäbe es das Erbarmen nicht. Mit meinem Laufen und Wollen tagtäglich versuche ich das Leben festzuhalten und es so zu gestalten, dass es für mich gut wird. Vertraue ich dabei darauf, dass Gottes Erwählung auch für mich gilt?

Paulus greift zu einem Vergleich, einem Bild, um dieser Frage zu begegnen. Er vergleicht Gott mit dem Töpfer und den Menschen mit Ton. Ton, das ist am Anfang einfach Erde, eine bestimmte Art von Erde. Einfache, ungeformte Klumpen. Der Töpfer nimmt diese Tonerde und arbeitet mit ihr. Er hat eine Idee, nimmt den Ton und setzt ihn z.B. auf eine Scheibe und formt mit geschickten Händen ein Gefäß. Er bestimmt jede kleinste Einzelheit. Größe, Form, dann die Farbe, wenn er das Gefäß bemalen wird. Der Ton, er ist passiv. Manchmal gelingt das Werk nicht so, aber der Töpfer kann den Ton wieder zusammenwerfen. Der Töpfer hat es in der Hand, was aus dem Ton wird. Dieser kann sich nicht wehren. Mit ihm wird etwas gemacht.

In diesem Bild des Paulus ist Gott der Töpfer und wir der Ton. In der Schöpfungsgeschichte, der zweiten zumindest, kennen wir diesen Zusammenhang. Gott macht den Menschen aus Erde und gibt ihm seinen Lebensodem ein.

Wenn Paulus dieses Bild gebraucht um die Frage nach der Erwählung oder Nichterwählung zu beantworten, also für mich auch die Frage danach, was Gott denn anstellt oder auch nicht in dieser Welt, dann wehre ich mich gegen diese Vorstellung und dieses Bild. Ich will nicht passiv sein. Ein Spielball der Götter oder Gottes?

Ich will mir auch nicht Gott vorstellen als einer, der das Leid steuert. Der den einen Menschen früh sterben lässt, in größtem Leid, der Kinder verhungern lässt, der Katastrophen vielleicht sogar selbst in die Hand nimmt und über uns Menschen kommen lässt. Dieser Gedanke entsetzt mich.

Aber auf der anderen Seite – wer ist denn der Töpfer? Schaffen wir Menschen uns selbst? Manchmal erscheint unser Wollen und Laufen so. Die Genforschung erlaubt immer mehr. Das Forschen mit den Anfängen menschlichen Lebens dringt immer tiefer ein in die Geheimnisse des Entstehens. Was bei uns noch verboten ist, ist in anderen Ländern schon erlaubt. Die Grenzen werden immer weiter geschoben. Ja, natürlich – ich Mensch – ich will gern Töpfer/Töpferin sein. Ich will wissen, ich will nicht früh an einer Krankheit sterben, ich will gesunde Kinder, ich will glücklich und zufrieden leben.  Aber gelingt uns das glückliche Leben, selbst wenn wir alle Unabwägbarkeiten im Griff haben, wenn wir uns selbst zu Töpfern gemacht haben? Merkwürdigerweise vermehrt sich das Glück so haben Forscher herausgefunden - ab einem bestimmten Punkt des Wohlstandes nicht mehr.

Und ist es nicht so, wie Paulus sagt, dass Gott uns manchmal mit großer Geduld erträgt?

Oder legen wir Paulus beiseite, als allzu schwer verdaulich Kost, nichts für uns. Nee, Paulus, auf die Fragen der Menschheit hast du auch keine befriedigende Antwort?

Paulus kennt ja die Frage: „Ist Gott denn ungerecht?“ Er beantwortet sie: „Das sei ferne!“

Paulus glaubt, dass Gott ein erbarmender Gott ist. Paulus sagt ja nicht: So liegt es nun nicht am menschlichen Willen, sondern an göttlicher Durchsetzungskraft.“ oder ähnlichem. Paulus sagt: „sondern an Gottes Erbarmen.“ In diesem Wort Erbarmen, da ist für mich die Hoffnung drin, dass Gott nicht ein unbarmherziger Töpfer ist. Oder dass Gott einer ist, der da sitzt und Punkte verteilt. Dass manche besser leben und besser sind als andere. Ich habe keine logische Antwort auf die Frage nach Gottes gerechtem Tun. Vielleicht habe ich als Mensch auch nicht die Fähigkeit, das zu erkennen. Ich habe eigentlich nur die Hoffnung und ein unbeschreibbares Vertrauen.

Gott ist ja auch nichts Abstraktes beblieben. Er ist Mensch geworden. Ein Mensch von Fleisch und Blut. Ein Mensch, der gelitten hat. Und für mich ist es eher umgekehrt wie für viele andere. Die eher an einen Gott glauben können, der die Welt geschaffen hat, als an Jesus Christus und die Menschwerdung Gottes. Bei der Frage des Tons an den Töpfer: Warum machst du mich so – wie Paulus es ausdrückt, da komme ich nicht weiter. Ich kann physikalische Zusammenhänge sehen und messen, aber warum es uns Menschen gibt, warum es das Weltall gibt, das begreife ich letztendlich nicht. Ich für meinen Teil, als kleines Menschlein, komme da weiter, wo ich mir den menschgewordenen Gott anschaue. Da, wo ich Jesus näher zu kommen versuche. Da wo ich Hoffnung in Christus setze. Mein Vertrauen, dass in Christus die vermeintliche Sinnlosigkeit meiner Existenz aufgehoben ist.

Wenn Luther sagt: „Ich bin aber ein kleines Kind, das der Milch bedarf und nicht der festen Speise.“   So ist die Milch für mich, dass Gottes Erbarmen in Jesus Gestalt angenommen hat und mich als Mensch annimmt, dass ich nicht versinke in einem hoffnungslosen und sinnlosen Nichts. Die feste Speise – warum Gott die Welt so gemacht hat und nicht anders, vielleicht werde ich sie irgendwann einmal vorgesetzt bekommen und sie dann auch zu mir nehmen können. Dann auch verstehen und wirklich begreifen können, was Paulus ein paar Verse weiter sagt: „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.“ Amen

 

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