Zur Seite von Pfr.
Hoffmann-Schaefer
Zur
Startseite der Luthergemeinde
Predigt 30.12.2007
Lutherkirche Mainz
von Pfarrer
Hoffmann-Schaefer
13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. 14 Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. 15 Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.
Liebe Mitchristen,
„Kann eine Mutter ihr Kind
vergessen?“ Hier spricht ein Bild direkt ins Herz. Ein Kind in den Armen der
Mutter fest umhüllt, beschützt, geborgen in ihrer Liebe. Ein Kind, das nichts
weiß von ihren Sorgen, das sich ganz und gar hingeben kann in die Wärme und
Zuwendung der Mutter. Ein Kind, das davon lebt – von der Liebe der Mutter.
Ein schönes Bild, das mich
anrührt und an Sehnsüchte rührt. Tief verborgen sind sie in mir – die
Sehnsüchte danach, mich beschützt zu fühlen, sicher, alles Bedrohliche von mir
ferngehalten, das absolute Vertrauen haben können, das da einer ist, der mich
bedingungslos liebt. Die Sehnsucht, nicht immer alles in der Hand haben zu
müssen, sondern mich mal um nichts kümmern und mein Leben gelingt trotzdem. Die
Sehnsucht, so glaube ich, eines jeden Menschen wird hier angesprochen, die
Sehnsucht nach Geborgenheit, liebender Zuwendung und Glück.
Umso mehr regt es Menschen auf,
wenn diese Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht gelingt, wenn eine Mutter
sich nicht um ihr Kind kümmert. Und ich muss sagen, ich kann allein diesen
Gedanken kaum ertragen – ich sehe die Zeitungsartikel und Medienberichte über
verlassene, verwahrloste, ja zu Tode gekommene Kinder mit Zorn und Scham. Es
gibt dies nicht nur in von Kriegswirren verheerten Ländern, sondern auch bei
uns in unserem reichen und in großem und ganzem sozialen Land. Dies gab es wohl
bei den Menschen damals, die die Worte des Propheten Jesaja zum ersten Mal
hörten. Es war die Situation im Exil. Gott schien das Volk Israel vergessen zu
haben. Jerusalem lag gottverlassen und zerstört da, im Text ist es mit Zion
beschrieben: Zion aber sprach: der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner
vergessen.
Die Beziehung Gottes zu seinem Volk
und zu seinem geliebten Zion wird mit einer menschlichen Beziehung verglichen.
Ich habe vorhin die Lutherübersetzung vorgelesen und will den Text nun in einer
neueren Übersetzung zitieren: „Doch der Herr sagt: Bringt eine Mutter es
fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das
sie im Leib getragen hat?“ Eine rhetorische Frage. Eine Frage, die fast
polemisch wirkt. Was denkst Du denn? Was Gott alles kann? Vorher ist im
Jesajatext davon die Rede, dass Gott nicht nur die Stämme Jakobs aufrichten
soll und die Zerstreuten Israels wieder zusammenbringen wird, sondern dass
dieses kleine Volk auch zum Licht der Heiden werden soll.
Da gab es natürlich die Stimmen
der Menschen, die verzagt daherkamen. Die die Hoffnung aufgegeben hatten. Die
schon so lange in der Gefangenschaft im Exil gelebt hatten, dass sie die frohe
Botschaft des Jesaja nicht aufnehmen konnten. Und da muss der Prophet mit
starken Worten kommen: “Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr
Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich
seiner Elenden.“ Und da kommt das „aber“. Aber der Herr hat mich verlassen,
spricht Zion. Die Erfahrung spricht dagegen. Das menschliche Leben spricht
dagegen. Es gibt Unrecht und Leid. Es gibt das Böse, das die Zerstörung und die
Gewalt unter den Menschen bewirkt. Ja, das wissen auch wir heute. Auch wenn wir
in Europa eher zu einem friedlichen Umgang miteinander gekommen sind. Die
Menschheit lernt sich zu verstehen als eine Gemeinschaft, die aufeinander
angewiesen ist, und sich nicht darin erschöpfen kann, sich selbst zu bekriegen.
Ja, aber, aber, aber... so vieles spricht gegen das Jauchzen der Himmel und die
Freude der Erde. Wird uns gerade der Himmel mit seiner Klimaveränderung zu dem
Problemfeld, das uns das Leben auf der Erde unerträglich macht, weil wir selbst
uns nicht einigen können über die Reduzierung unserer Emissionen. Der „abers“
sind so viele.
Der Prophet kannte die „abers“
seiner Landsleute so gut. Es sind die „abers“ der Realisten, die Hoffnung für
ein Hirngespinst hielten und halten. Jesaja wird darum polemisch. Vergisst eine
Frau ihr Kind – nein. Und selbst wenn sie es vergisst, Gott ist keiner der das
tut. Gott nicht. Der nicht.
„Und selbst, wenn die Mutter das
Kind vergessen könnte, ich vergesse euch nicht!“
Eine starke Aussage. Über die
Beziehung Gottes zu seinem Volk, zu seiner heiligen Stadt, zur Tochter Zion,
wie Jerusalem bezeichnet wird. „deine Mauern sind immerdar vor mir.“ heißt es
beim Propheten. Die Beziehung ist so stark, noch stärker als Mutterliebe. Das
kann es kaum geben, dass eine Mutter ihr Kinder verlässt, und selbst wenn es
das gibt, Gottes Beziehung bleibt bestehen, immer, gegen jedes „aber“.
Die Geschichte Gottes mit seinem
Volk Jahrzehnte nach diesem Text hat die Worte wahr werden lassen. Das Volk
wurde wieder in seiner Heimat ansässig, Jerusalem wieder aufgebaut, der Tempel
Salomos, das Haus Gottes wieder errichtet. Gottes Zusage hat sich also erfüllt.
Und jetzt stelle ich die häufig in
vielen Predigten gestellte Frage:
Aber was ist mit uns heute?
Können wir die Worte einfach so für uns Christen übernehmen? Es ist eine
theologische Tradition die Worte so auch für uns zu deuten. Wir glauben ja,
dass Jesus der Messias ist. Der Gesalbte, der Christus. Wir könnten auch den
hebräischen Ausdruck und nicht den aus dem Griechischen „Christen“ für uns
übernehmen: „Messianisten“. Wir sind die, die daran glauben, dass die Liebe
Gottes manifest geworden ist, greifbar, sie wurde Fleisch, sichtbar, offenbar.
„Das Wort ward Fleisch.“ So wie es über
500 Jahre vor Christi Geburt das Volk Israel erfahren hat, so ist für uns das
Wort Gottes, seine Verheißung, seine Zusage in Christus wahr geworden. Die
Zusage Gottes: Eine Mutter verlässt ihr Kind nicht, und selbst wenn sie es tut:
Gott verlässt dich nicht. Diese Aussage war und ist für viele Menschen so
überwältigend, dass sie diese auch für sich als wahr ansahen und aufnahmen. Wir
Messianisten geben diese frohe Botschaft auch weiter an andere. Und sie ist so
überzeugen, dass das Christentum, immer noch eine wachsende Religion ist, wenn
auch nicht bei uns, aber in anderen Kontinenten. Trotz aller „abers“ der Welt,
oder vielleicht gerade deswegen? Der Hunger, die Armut, das Elend, die Kriege,
die Gewalt, die Ungerechtigkeit, die Lüge, die Gier – der Herr hat mich
verlassen – nein, Gott verlässt dich nicht. Gottverlassen – nein, das gibt es
nicht. Es gibt „mutterseelenallein“, aber nicht Gottverlassen. Wenn alles
zusammenbricht, selbst wenn dich die Mutter verlässt, was bei uns vorkommt, aber
öfters noch in ärmeren Ländern der Erde, in denen Hunger und Krieg
herrscht, nein, Gott verlässt dich
nicht. „Der Herr hat sein Völk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“
Die „abers“ bleiben, aber die
Liebe Gottes ist stärker. Wenn das unser Glaube sein kann, wenn wir darauf
vertrauen – dann haben wir das Leben, dann haben wir die Freude, dann jauchzen
die Himmel in uns, dann können wir getrost in das neue Jahr gehen, das vor uns
liegt.
Dann wollen wir mit Dietrich
Bonhoeffer sagen:
Von guten Mächten wunderbar
geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag, Gott ist bei uns am Abend und am
Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Amen