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Predigt 30.12.2007 Lutherkirche Mainz

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

Jesaja 49, 13-16

13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. 14 Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. 15 Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.

 

Liebe Mitchristen,

„Kann eine Mutter ihr Kind vergessen?“ Hier spricht ein Bild direkt ins Herz. Ein Kind in den Armen der Mutter fest umhüllt, beschützt, geborgen in ihrer Liebe. Ein Kind, das nichts weiß von ihren Sorgen, das sich ganz und gar hingeben kann in die Wärme und Zuwendung der Mutter. Ein Kind, das davon lebt – von der Liebe der Mutter.

Ein schönes Bild, das mich anrührt und an Sehnsüchte rührt. Tief verborgen sind sie in mir – die Sehnsüchte danach, mich beschützt zu fühlen, sicher, alles Bedrohliche von mir ferngehalten, das absolute Vertrauen haben können, das da einer ist, der mich bedingungslos liebt. Die Sehnsucht, nicht immer alles in der Hand haben zu müssen, sondern mich mal um nichts kümmern und mein Leben gelingt trotzdem. Die Sehnsucht, so glaube ich, eines jeden Menschen wird hier angesprochen, die Sehnsucht nach Geborgenheit, liebender Zuwendung und Glück.

Umso mehr regt es Menschen auf, wenn diese Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht gelingt, wenn eine Mutter sich nicht um ihr Kind kümmert. Und ich muss sagen, ich kann allein diesen Gedanken kaum ertragen – ich sehe die Zeitungsartikel und Medienberichte über verlassene, verwahrloste, ja zu Tode gekommene Kinder mit Zorn und Scham. Es gibt dies nicht nur in von Kriegswirren verheerten Ländern, sondern auch bei uns in unserem reichen und in großem und ganzem sozialen Land. Dies gab es wohl bei den Menschen damals, die die Worte des Propheten Jesaja zum ersten Mal hörten. Es war die Situation im Exil. Gott schien das Volk Israel vergessen zu haben. Jerusalem lag gottverlassen und zerstört da, im Text ist es mit Zion beschrieben: Zion aber sprach: der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.

Die Beziehung Gottes zu seinem Volk und zu seinem geliebten Zion wird mit einer menschlichen Beziehung verglichen. Ich habe vorhin die Lutherübersetzung vorgelesen und will den Text nun in einer neueren Übersetzung zitieren: „Doch der Herr sagt: Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie im Leib getragen hat?“ Eine rhetorische Frage. Eine Frage, die fast polemisch wirkt. Was denkst Du denn? Was Gott alles kann? Vorher ist im Jesajatext davon die Rede, dass Gott nicht nur die Stämme Jakobs aufrichten soll und die Zerstreuten Israels wieder zusammenbringen wird, sondern dass dieses kleine Volk auch zum Licht der Heiden werden soll.

Da gab es natürlich die Stimmen der Menschen, die verzagt daherkamen. Die die Hoffnung aufgegeben hatten. Die schon so lange in der Gefangenschaft im Exil gelebt hatten, dass sie die frohe Botschaft des Jesaja nicht aufnehmen konnten. Und da muss der Prophet mit starken Worten kommen: “Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ Und da kommt das „aber“. Aber der Herr hat mich verlassen, spricht Zion. Die Erfahrung spricht dagegen. Das menschliche Leben spricht dagegen. Es gibt Unrecht und Leid. Es gibt das Böse, das die Zerstörung und die Gewalt unter den Menschen bewirkt. Ja, das wissen auch wir heute. Auch wenn wir in Europa eher zu einem friedlichen Umgang miteinander gekommen sind. Die Menschheit lernt sich zu verstehen als eine Gemeinschaft, die aufeinander angewiesen ist, und sich nicht darin erschöpfen kann, sich selbst zu bekriegen. Ja, aber, aber, aber... so vieles spricht gegen das Jauchzen der Himmel und die Freude der Erde. Wird uns gerade der Himmel mit seiner Klimaveränderung zu dem Problemfeld, das uns das Leben auf der Erde unerträglich macht, weil wir selbst uns nicht einigen können über die Reduzierung unserer Emissionen. Der „abers“ sind so viele.

Der Prophet kannte die „abers“ seiner Landsleute so gut. Es sind die „abers“ der Realisten, die Hoffnung für ein Hirngespinst hielten und halten. Jesaja wird darum polemisch. Vergisst eine Frau ihr Kind – nein. Und selbst wenn sie es vergisst, Gott ist keiner der das tut. Gott nicht. Der nicht.

„Und selbst, wenn die Mutter das Kind vergessen könnte, ich vergesse euch nicht!“

Eine starke Aussage. Über die Beziehung Gottes zu seinem Volk, zu seiner heiligen Stadt, zur Tochter Zion, wie Jerusalem bezeichnet wird. „deine Mauern sind immerdar vor mir.“ heißt es beim Propheten. Die Beziehung ist so stark, noch stärker als Mutterliebe. Das kann es kaum geben, dass eine Mutter ihr Kinder verlässt, und selbst wenn es das gibt, Gottes Beziehung bleibt bestehen, immer, gegen jedes „aber“.

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk Jahrzehnte nach diesem Text hat die Worte wahr werden lassen. Das Volk wurde wieder in seiner Heimat ansässig, Jerusalem wieder aufgebaut, der Tempel Salomos, das Haus Gottes wieder errichtet. Gottes Zusage hat sich also erfüllt.

Und jetzt stelle ich die häufig in vielen Predigten gestellte Frage:

Aber was ist mit uns heute? Können wir die Worte einfach so für uns Christen übernehmen? Es ist eine theologische Tradition die Worte so auch für uns zu deuten. Wir glauben ja, dass Jesus der Messias ist. Der Gesalbte, der Christus. Wir könnten auch den hebräischen Ausdruck und nicht den aus dem Griechischen „Christen“ für uns übernehmen: „Messianisten“. Wir sind die, die daran glauben, dass die Liebe Gottes manifest geworden ist, greifbar, sie wurde Fleisch, sichtbar, offenbar. „Das Wort ward Fleisch.“  So wie es über 500 Jahre vor Christi Geburt das Volk Israel erfahren hat, so ist für uns das Wort Gottes, seine Verheißung, seine Zusage in Christus wahr geworden. Die Zusage Gottes: Eine Mutter verlässt ihr Kind nicht, und selbst wenn sie es tut: Gott verlässt dich nicht. Diese Aussage war und ist für viele Menschen so überwältigend, dass sie diese auch für sich als wahr ansahen und aufnahmen. Wir Messianisten geben diese frohe Botschaft auch weiter an andere. Und sie ist so überzeugen, dass das Christentum, immer noch eine wachsende Religion ist, wenn auch nicht bei uns, aber in anderen Kontinenten. Trotz aller „abers“ der Welt, oder vielleicht gerade deswegen? Der Hunger, die Armut, das Elend, die Kriege, die Gewalt, die Ungerechtigkeit, die Lüge, die Gier – der Herr hat mich verlassen – nein, Gott verlässt dich nicht. Gottverlassen – nein, das gibt es nicht. Es gibt „mutterseelenallein“, aber nicht Gottverlassen. Wenn alles zusammenbricht, selbst wenn dich die Mutter verlässt, was bei uns vorkommt, aber öfters noch in ärmeren Ländern der Erde, in denen Hunger und Krieg herrscht,  nein, Gott verlässt dich nicht. „Der Herr hat sein Völk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“

Die „abers“ bleiben, aber die Liebe Gottes ist stärker. Wenn das unser Glaube sein kann, wenn wir darauf vertrauen – dann haben wir das Leben, dann haben wir die Freude, dann jauchzen die Himmel in uns, dann können wir getrost in das neue Jahr gehen, das vor uns liegt.

Dann wollen wir mit Dietrich Bonhoeffer sagen:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag, Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen

 

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