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Predigt 12.8.2007 

Lukas 7, 36-50

von Pfarrer Hoffmann-Schaefer

 

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. [a]

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, [a] brachte sie ein Glas mit Salböl 38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. 39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. 40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.

42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? 43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. 46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. 49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? 50 Er aber sprach zu der Frau:  Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

 

Liebe Gemeinde!

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir. Ich kenne die Geschichte gut. Als ich sie jetzt zur Predigtvorbereitung wieder durchlas, da merkte ich, dass sie mir vertraut und doch irgendwie fremd geblieben ist.

Es ist da dieser Simon, ein Pharisäer, da ist die Frau, deren Namen wir nicht kennen, die oft wahrscheinlich fälschlicherweise mit Maria von Magdala gleichgesetzt wurde und wird, und da ist Jesus.

Simon der Pharisäer, ein Mann, der Jesus eingeladen hat, der wohl mit ihm diskutiert, auf jeden Fall sich für ihn interessiert.

Wie könnten seine Gedanken sein? Ihn will ich mal kurz zu Wort kommen lassen.  „Ich bin ein interessierter, offener Mensch – und dieser Jesus hat mich interessiert. Einer, der so viele Anhänger hat, der scheinbar so mit Vollmacht von Gott redet. Ich habe meine Grundsätze, ich gehe in den Tempel beten, ich halte die Gebote und die Thora. Ich gebe den Zehnten für den Tempel, den Zehntel von allem, was ich einnehme. Ich gebe das gerne.

Jesus finde ich sympathisch, deswegen habe ich ihn eingeladen. Fast wäre es ein harmonisches und unterhaltsames Essen geworden, wenn da nicht...! Diese Frau – eigentlich hätte ich sie gleich rauswerfen sollen. Sie hat sich aufgeführt. Tränen, Jesu Füße mit ihren Haaren getrocknet. Peinlich, eigentlich unglaublich. Dreist. bei mir im Haus. Wo sie weiß, wo er weiß, wie ich zu solchen unreinen Frauen stehe. Also fast habe ich gedacht: die haben was miteinander.“

Simon ist irritiert und verwirrt. Die Gedanken des Simon sind nicht zu fremd für mich. Ich bin zwar aufgeschlossen, aber als bei der Konfirmation unseres Ältesten plötzlich ein Durchreisender mitten unter den Gästen stand und etwas von mir als Pfarrer wollte, empfand ich das als ungebührliches Verhalten. Ich brauchte einen Moment, einen langen Moment, um mich nicht über den Mann in Not aufzuregen, sondern ihn anzuhören.

Wie sind die Gedanken der fremden Frau,  wahrscheinlich einer Prostituierten? Von ihr wird kein einziges Wort aus dieser Szene überliefert, deswegen will ich auch nicht in der „Ich-Form“ ihren Gedanken nachspüren wie bei Simon dem Pharisäer.

Aber es wird in ihrem Verhalten deutlich, dass sie Jesus ernst nimmt – vielleicht weil sie merkt, dass Jesus sie ernst nimmt?  Sie geht mutig in das Haus des Pharisäers, sie bringt Salböl, als etwas kostbares mit, sie ist emotional stark bewegt, sie weint. Sie galt in der damaligen Gesellschaft allein als Frau wenig, dazu noch in ihrer Situation. Waren es vielleicht Tränen des Glücks, dass sie endlich jemand findet, bei dem sie sich angenommen fühlt, nicht nur ausgenutzt und gleichzeitig verachtet? Weint sie, weil sie spürt, dass sie nun Frieden gefunden hat – wie Jesus es sagt: geh hin in Frieden?

Eine ganz intensive Begegnung, bei der es um die Wurzeln des christlichen Glaubens geht.

Bei der es um den Kern der Botschaft Jesu geht. Denn Jesus bemüht sich um beide Menschen in dieser Geschichte. In dem Verhalten der Frau wird deutlich, dass sie sich von ihm angenommen fühlt, ihn dafür verehrt. Bekommt sie durch Jesus eine neue Perspektive in ihrem Leben, ein Leben nicht mehr am Rande der Gesellschaft? In den vielen Äußerungen von Jesus an anderen Bibelstellen und durch die Erzählungen von ihm wird deutlich, dass er sich um die kümmert, die von anderen verachtet werden. Aber auch der Pharisäer ist ihm nicht gleichgültig. An ihn wendet Jesus sich zuerst. Er bemerkt das große Fragezeichen, das zwischen ihnen steht, er merkt, dass er, Jesus, ein Verhalten duldet, das für den Pharisäer Simon anstößig und abstoßend zugleich ist. Und es ist die Frage aller wohlanständigen Menschen, der Zeitgenossen Jesu als auch der später Lebenden, Glaubenden, sich um Gott und die richtige Lebensführung sich Bemühenden. Die korrekt in ihrem Leben sich verhalten oder sich zumindest darum bemühen. Ja, auch die fromm sind. „Was tut Jesus da?“ Wir, die wir heute leben und die meisten schon seit Kindheit die Geschichten Jesu kennen, verblüfft und irritiert dieser Inhalt der Botschaft Jesu nicht mehr sonderlich. Die Pharisäer wurden später auch immer als die Bösen hingestellt, als die Heuchler und diejenigen, die mitwirkten an Jesu Tod. Aber die Zumutung Jesu an den Pharisäer ist auch eine Zumutung an uns Frommen. Die Beispielfrage mit den Schuldnern, die Jesus dann an Simon stellt, soll das deutlich machen. Der Schuldner, der die größere Geldschuld erlassen bekommt, wird natürlich der Glücklichere sein. Es ist das gleiche Motiv  wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem der daheim gebliebene Sohn eigentlich eher zornig auf den Vater ist, als dieser den zurückgekehrten Sohn mit einem Freudenfest begrüßt. Aber Jesus nimmt den Pharisäer Simon ernst, mit ihm diskutiert er, ihn will er überzeugen.

Der weitere Verlauf  der Geschichte überliefert uns nichts davon, ob Jesus diesen Pharisäer Simon überzeugt hat. Bei vielen frommen Menschen ist es ihm gelungen.

Und nicht zuletzt sind solche Geschichten weitererzählt worden und wurden dann aufgeschrieben, um die Menschen für Jesus zu gewinnen. Die einen, die verachtet und verstoßen in der Gesellschaft waren und die anderen, die fromm und angesehen waren. Das, was viele Menschen überzeugte und auch heute noch überzeugt, ist der Kern der christlichen Botschaft: Dass Gott jeden Menschen annimmt und ihm immer einen Neuanfang ermöglicht. „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Dass Gott Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit ablehnt, dass es keine Unterschiede gibt, die einen Menschen wertvoller oder weniger wertvoll machen. Ob er Frau oder Mann ist, Sklave oder Freier, Muslim oder Amerikaner, Einheimischer oder Fremder.

Da ist immer die Anstößigkeit dieser Botschaft, das Fragen derer, die versuchen alles recht zu machen, das Fragen von uns Frommen. Und vielleicht wird das Fragen auch noch am Jüngsten Tag da sein: wieso bekommt der genau den gleichen Lohn, der nur ein Bruchteil meiner Arbeit im Weinberg des Herrn geleistet hat? Um die Frage der Arbeiter aus dem Gleichnis zu nehmen. „Was siehst du so scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Ist die Antwort des Herrn in diesem Gleichnis.

Ja, immer und immer wieder geht es in den Geschichten und Erzählungen von Jesus um den gütigen Gott, um seine Barmherzigkeit und wie sie uns Menschen auch in unserem Miteinander verändert.

Das Thema Schuld und Unreinheit spielt in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr so eine Rolle wie zu Zeiten Jesu. Die Frau war eine Sünderin – gibt es heute noch Sünder? Im Sprachgebrauch nicht mehr und auch der Beruf der Prostituierte fordert heute seine Anerkennung. Gibt  es das Thema Unreinheit noch? Rein sein vor Gott? Nein, weil wir mit Jesus wissen, dass wir vor Gott doch mit leeren Händen dastehen. Das Thema unserer Zeit ist das Vertrauen in das Leben, die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Zukunft der Menschheit.

Aber auch da ist für mich der Ansatz der jesuanischen Bewegung der wegweisende. Dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, dass sie vor Gott gleich sind, angenommen, geliebt, Einzelanfertigungen, lässt ein anderes Miteinander zu, als die Herabsetzung anderer, als die Überheblichkeit gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Ein barmherziges Miteinander – darin liegt die Zukunft der Menschheit.

Amen

 

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